Donnerstag, 15. Mai 2014
Spätzle bei Wilhelm Tell **
Das Sindelfinger Schützenhaus wirbt publikumswirksam mit dem Slogan "Das Original ist zurück", einer attraktiven Homepage und einem erstaunlich runderneuertem Innenleben, nebst komplett eliminierter Kegelbahn. Die Anfahrt durch ein kleines Waldstück und die wenig vertrauenserweckende Aussenansicht wirken jedoch eher abschreckend. Dass sich der als "Sonnenterrasse" angepriesene Bereich als öde Bierbank-Oase entpuppt, hebt nicht gerade die Stimmung.
Drinnen reibt man sich jedoch verwundert die Äuglein. So viel Lifestyle-Ambiente hätte man dieser etwas maroden Immobilie gar nicht zugetraut. Chapeau! Der Service ist fix, aufmerksam und rasch zur Stelle. Der Chef wiederum residiert aufmerksam im Back-Office und ruft die verlangten Auskünfte sicher durch den Gastraum. Die hochwertig gestaltete, zweisprachig gehaltetene Speisekarte ist offenbar der Nähe zu den amerikanischen Streitkräften geschuldet.
Menge: weitaus mehr, als der umtriebige Testesser vertilgen kann
Spätzle: werden, wie der Chef Rafael Balado Perez aus seinem Büro hervorruft "frisch bestellt"
Käse: laut Auskunft: Gouda (dabei hätten wir sensorisch auf Emmentaler getippt)
Zwiebeln: einige lätschig geschmälzte, erstaunlich breite Streifen
Viskosität: eher sahnig-soft
Beilage: kann am Salatbüffet auf einem großen Teller selbst zusammengestellt werden. Im Angebot sind: verschiedene Salatsaucen, ein ziemlich trockener Kartoffelsalat, relativ geschmacksneutrale Tomatenscheiben, grüne Bohnen aus der Dose, frischer Blattsalat, zu lange durchgezogener Rettich und einiges mehr
Zubereitungszeit: kurze 10-15 Minuten
Abgang: vollkommen problemlos
Preis: 6,80 Euro (inkl. großem Beilagensalat vom Büffet) als Mittagstisch - oder als Allgäuer Variante mit Speck und Beilagensalat für 8,80 Euro
Bewertung: Hier überschreitet der selbst gesetzte Anspruch die tatsächlich Leistung. Mittelmäßige Küche ohne große Finessen. Nicht mal Pfeffer und Salz stehen auf dem Tisch. Dem Slogan "Noch schöner! Noch leckerer! Noch besser!" würden wir gerne folgen. Wir kommen gerne wieder.
Lokalität: Gaststätte Schützenhaus
Mönchsbrunnen 2
71065 Sindelfingen
Tel.: 07031 22 96 99
E-Mail: info@schuetzenhaus-sindelfingen.de
Sonntag, 4. Mai 2014
Steirischer Stern ****
Ein Irdninger im Ausland - und das fast vor unserer eigenen Haustüre! Kaum zu glauben, dass wir als ausgewiesene Styria-Fans dieses Kleinod jahrzehntelang übersehen konnten. Nun liegt das Ennstal endlich in gefühlter Nähe.
Mit dem Wirt Bernd Seebacher hätten wir am liebsten stundenlang über unser Gamlitzer Lieblingsweingut Skoff gefachsimpelt, hätte nicht die fesche und forsche Servicedame eine überraschende Empfehlung aus dem Angebot gezaubert: der Sämling des Podersdorfer Winzer Lentsch entpuppt sich als geschmacksintensiver Aperitivwein mit überaus fruchtigem Bukett. Da nehmen wir glatt noch einen Ausflug ins Burgenland mit.
Die Speisekarte kreuzt steirische Spezialitäten mit schwäbischen Köstlichkeiten. Neben den formidablen Käsespätzle mundet uns vor allem das Wilderer Pfandl mit Serviettenknödeln. Sehr habhaft!
Menge: eine üppige Portion, im Pfännle serviert
Spätzle: goldgelb und handgeschabt
Käse: schmeckt nach reinem Emmentaler
Zwiebeln: bitte mehr, mehr, mehr davon
Viskosität: geschmeidiger Idealzustand, lange Käsefäden ziehend
Beilage: auf einem länglichen Porzellanschiffchen wird ein bunter Beilagensalat serviert, mit frischem Vogerlsalat (Ackersalat), sehr würzigen Kraut- und Rettichstreifen und einigen grünen Bohnen, die leider aus dem Glas zu stammen scheinen
Zubereitungszeit: beim angeregten Gespräch im urgemütlichen Ambiente vergessen wir glatt, auf die Uhr zu schauen
Abgang: erstaunlich leicht und dennoch angenehm sättigend
Preis: 8,80 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Leckere Käsespätzle ganz nach meinem Gusto. Dieses schwäbisch-steirische Joint Venture verdient lobende Erwähnung und gehört zu den Entdeckungen des Jahres!
Lokalität: Gasthof Stern
Hannelore & Bernd Seebacher
Herrenberger Straße 8
71263 Weil der Stadt
Telefon: 07033 / 7869
Telefax: 07033 / 7688
E-Mail: info@stern-weilderstadt.de
Freitag, 2. Mai 2014
Frau im Bade ***
Das Kurhaus von Bad Liebenzell erinnert mit seinen beträchtlichen Dimensionen an längst vergangene Zeiten, als die Kassen noch großzügig morgens Fango und abends Tango finanzierten. Hier finden ganze Kompanien von Bedürftigen Platz, um beim sonntäglichen Tanztee neuen (Hüft)-Schwung ins Leben zu bringen. Oder um die karge Klinikkost mit deftigen regionalen Köstlichkeiten aufzupeppen.
In den ausladenden Räumlichkeiten dauert es schon mal etwas länger, bis der emsige Kellner meine Wenigkeit erblickt. Die Portionen liefert er schließlich mit dem Servierwagen aus, weil anders die gefühlten kilometerweiten Distanzen kaum zu bewältigen wären. Eine besondere Herausforderung für die strapazierfähig zu gestaltende Auslegware, die tatsächlich dem legendären Liebenzeller Logo (einer Frau im Bade) gewidmet ist.
Menge: sehr großzügige Portion in einer Auflaufform
Spätzle: wie der italienische Kellner charmant deklariert: "von Hand geschoben"
Käse: Emmentaler, der Klassiker
Zwiebeln: rohe gestiftelte Zwiebelstreifen sind großzügig unter die Spätzlemasse gemengt (hätten aber durchaus angeschmelzt werden dürfen)
Viskosität: krachend-krustig überbackene Schicht über homogener Auflaufmasse
Beilage: ein kleiner bunter Salatteller mit gut durchgezogenem pikantem Rettich und maggidominatem Kartoffelsalat
Zubereitungszeit: 15 Minuten (fast genauso lange warte ich dann auch auf meine Rechnung)
Abgang: wer - wie ich - diese Riesenportion alleine stemmt, benötigt einen belastbaren Magen
Preis: 8,50 Euro (inkl. Beilagensalat)
Bewertung: Solide zubereitete, regionale Köstlichkeiten von einem zertifizierten "Schmeck den Schwarzwald"-Wirt. Für einen Besuch im Liebenzeller Kurhaus benötigt man allerdings reichlich Geduld, eine stabile körperliche Verfassung und möglichst ein GPS-Gerät, um nach dem Toilettengang auch wieder an den angestammten Platz zurück zu finden.
Lokalität: Parkrestaurant im Kurhaus Bad Liebenzell
Kurhausdamm 6
75378 Bad Liebenzell
| Tel: | +49 (0) 7052/ 408 - 508 |
| Fax: | +49 (0) 7052/ 408 - 511 |
| E-Mail: | kurhaus@bad-liebenzell.de |
Mittwoch, 9. April 2014
Griaß di ****
Hier braut sich gehörig was zusammen! Hier kann man was erleben! Und das ist nicht nur eine leere Prophezeiung der Homepage!
Mitten im Raum glänzen die blank gewienerten Kupferkessel des Sudhauses, drum herum gruppiert sich zünftig inszenierte Gemütlichkeit: holzgetäfelte Wände, urgemütliche Sitzbänke, alpenländische Accessoires. Hier hat der örtliche Feng-Shui-Berater wahrlich seine Doktorarbeit vollbracht!
Die Speisekarte punktet mit deftigen Brotzeiten, "Ebbas aus dem Wurstkessel" und himmlisch süßen Sünden. Als ich die Servicekraft nach ihrer ganz persönlichen Leibspeise frage, zählt sie mir gleich ein Dutzend Gerichte auf. So viel Begeisterung springt über!
Menge: so reichlich, dass noch drei Mitesser probeweise verkosten können
Spätzle: wir sind im Allgäu: natürlich wohlgeformte Knöpfle!
Käse: entweder Bergkäse (Standard) oder Weisslacker (für Fortgeschrittene und alle, die heute nicht mehr küssen wollen)
Zwiebeln: ein immenser Berg knusprig angerösteter frischer Zwiebeln
Viskosität: ganz, wie es sein muss: sahnig-zähe Fäden spinnend
Beilage: selten wurde uns ein so künstlerisch aufgetürmter Beilagensalat serviert: strudelförmig schlängelt sich spaghettimässig gehobelte Rohkost über Blattsalate und Tomatenachtel, sensationell angemacht mit einem nussigen Kürbiskernöl-Dressing
Zubereitungszeit: circa 15 Minuten
Abgang: völlerisch, jedoch ohne Beschwerden
Preis: 8,80 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Erstklassige Speisen in rustikalem Ambiente. Durchaus imponierend: das kunstvoll gezwirbelte Salat-Arrangement, sowie die Menge an Röstzwiebeln über den Allgäuer Kässpatzen. Zum Dessert empfehlen wir unbedingt einen luftig-fluffigen Kaiserschmarrn!
Lokalität: Braugasthof Falkenstein
Allgäuer Str. 28
87459 Pfronten
Telefon: +49 8363 960658
E-Mail: braugasthof-falkenstein@t-online.de
Wenn`s Herzl brummt **
Eine Woche vor Ostern ist Füssen noch relativ touristenfrei und vor den bereitstehenden Taxis "to the castles" herrscht noch gähnende Leere. Muße genug, um durch die Altstadt zu flanieren und aus den mannigfaltigen Kässpätzle-Angeboten das passende auszusuchen.
Vor dem Herzl locken hölzerne Bänke zum Draussensitzen, die wärmende Hauswand im Rücken, das malerische Rathaus im direkten Ausblick. Wer bei der hageren osteuropäischen Servicekraft (in volkstümlichen Lederhosen) eine Bestellung aufgeben möchte, muss sich mit Händen und Füßen zu verständigen wissen. Immerhin gelingt es mir, die eigentlich am Vortag auf der Mittagskarte stehenden Kässpatzen noch für den heutigen Tag auszuhandeln.
Menge: die kleine Portion ist überschaubar und eher als Vorspeise geeignet
Spätzle: allgäutypische Knöpfle
Käse: Bergkäse (laut Karte)
Zwiebeln: knusprig-kross
Viskosität: die verschiedenen Substanzen vermögen keine homogene Masse einzugehen - leider purzeln die Knöpfle wieder einzeln auseinander
Beilage: spartanische Salatdeko aus Rucola
Zubereitungszeit: fast eine halbe Stunde
Abgang: rumpelnd und schwer verdaulich
Preis: 6,50 Euro (zum ausgehandelten Mittagstisch-Preis) - ansonsten 8,80 Euro (von der Standard-Speisekarte)
Bewertung: Folkloristisches Interieur und malerischer Standort. Rund um die Uhr gut besuchte Location. Die Kässpatzen sind zwar hübsch anzuschauen, entsprechen jedoch nicht ganz meinem Gusto und entpuppen sich im Nachhinein als allzu schwere Kost.
Lokalität: Herzl am Rathaus
Lechhalde 4
87629 Füssen
Tel.: 08362 / 9300979
Fax: 08362 / 9300989
E-Mail: herzl-fuessen@web.de
Dienstag, 1. April 2014
Moritz mit Hugo ***
Auf dem Weg zum diesjährigen Reha-Aufenthalt im Allgäu, stranden wir überraschenderweise in Memmingen. Schöner könnte ein 886 Jahre alter Ort kaum sein. Wirkt wie die nördlichste Stadt Italiens. Auch was Lebenslust und Farbenfreude angeht.
Bei gefühlten 30 Grad im Schatten schlendern wir durch die mittelalterlichen Gassen und die malerischen Brücken über die Iller. Als kurz nach 14 Uhr mächtiger Hunger aufkommt, stellt sich die Frage: welche der über 150 Gaststätten, Restaurants, Cafés oder Weinstuben des Ortes könnten wir nun ansteuern?
Die befragten Mädels in der Tourist-Info schauen sich kurz an und rufen dann unisono: "... ins Moritz natürlich..."
Menge: was zuerst gut zu bewältigend scheint, sättigt aufgrund von Farbe und Konsistenz so immens, dass ich kurz vor Vollendung passen muss
Spätzle: behäbige Knöpfle (wir sind im Allgäu!!)
Käse: mit Sahne vermengter Emmentaler
Zwiebeln: das fruchtig angedünstete Zwiebel-Topping hat fast die Anmutung von Marmelade
Viskosität: sahnig-klebrig wie grüner Kaugummi
Beilage: ein kleines inkludiertes, leicht süsslich angemachtes Salatbouquet
Zubereitungszeit: etwa 15 Minuten
Abgang: nachhaltige Bärlauch-Bäuerchen erzeugend
Preis: 8,40 Euro als Mittagsangebot
Bewertung: Dieses Arrangement verdient eindeutig den diesjährigen Sonderpreis für farbliche Gestaltung! Passend zur gewagten Rot-Grün-Kombination empfehlen wir einen roten (!) Hugo, den es nur hier gibt. Das örtliche Lieblingsgetränk aller Girlies!
Lokalität: Moritz Memmingen
Weinmarkt 6-8
87700 Memmingen
Telefon: +49 (0) 8331 9299224
E-Mail: moritzmm@t-online.de
Samstag, 29. März 2014
Denn sie wissen nicht was wir tun ***
Gestern noch Rossini in Wildbad, heute schon Schorsch Kamerun in Stuttgart. Größer könnte der musikalische Brückenschlag nicht sein - und dennoch hält das Kässpätzle-Kulturgut seine schützende Klammer um alles.
Heute lädt der Freundes- und Förderkreis der Stuttgarter Hochschule der Medien wie jedes Jahr zur gewohnten Mitgliederversammlung ein. Ein erlauchter Kreis mit exquisitem Geschmack und hohem Qualitätsanspruch. Während wir in früheren Jahren durch Deutschlands kulturelle Highlights tourten, erfreuen wir uns jetzt einer erhellenden Backstage-Führung durch Stuttgarts preisgekröntem Opernhaus.
Die Kantine des Staatstheaters Stuttgarts ist wider Erwarten für externes Publikum geöffnet. Das ist die einmalige Chance, bekannte Gesichter aus Funk und Fernsehen einmal live vor dem Selbstbedienungs-Büffet zu erleben. Oder es sich zumindest einzubilden.
Menge: ein Klotz in halber Brikettform
Spätzle: selbstverständlich hausgemacht
Käse: laut Auskunft der freundlichen Service-Dame: Gouda
Zwiebeln: auf Wunsch und Nachfrage gibt es eine extra Portion schlonzig geschmälzter frischer Zwiebeln oben drauf
Viskosität: unten herum mantschig, oben mit krosser Schicht
Beilage: zwei Beilagen nach Wahl - in meinem Falle: eine Schale mit grünem Blattsalat zum Selbst-Anmachen und ein sahniges Panna-Cotta-Dessert
Zubereitungszeit: kennen wir nicht - ausgestochen aus der überdimensionalen Auflaufform wird jedenfalls ratzfatz
Abgang: leicht grummelig
Preis: günstige 4,95 Euro (inklusive zweier Beilagen nach eigener Wahl)
Bewertung: Hoher Promifaktor zu sensationellem Preis. Menschen wie Du und Ich sollten allerdings das stilsichere Vorbeihuschen am Pförtner vorher noch üben.
Lokalität: Kantine des Staatstheaters Stuttgart
List & Scholz
Oberer Schlossgarten 6
70173 Stuttgart
Mail: info@listundscholz.de
Abonnieren
Posts (Atom)