Donnerstag, 16. Februar 2017

Bei Graf Eberhard (ohne Bart) ****

 
















Je mehr man sich Bad Urach nähert, desto höher wird die Rollatoren- und Gehhilfendichte. Als Hotspot der künstlichen Hüften und rheumatischen Zipperlein mögen die Albthermen gelten. Gleich daneben residiert, schon etwas angejahrt, das Biosphärenhotel Graf Eberhard. Hier leben noch die 70er Jahre auf, in Form von grobem Rauhputz, Toast Hawai und schwadronierenden Altherrenriegen. Doch wenn man sich erst einmal akklimatisiert hat, bestellt man gern ein Viertele mehr (das hier übrigens noch im traditionellen Henkelglas serviert wird).


Menge: zusammen mit einem selbst gewählten Salat vom Büffet so umfangreich, dass ich mir die Hälfte einpacken lassen muss
Spätzle: überzeugend handgeschabt
Käse: Albkäs von der Hohensteiner Bioland Hofkäserei
Zwiebeln: fein gedämpft
Viskosität: von rahmig-sahniger Geschmeidigkeit
Beilage: das beeindruckende und einzigartige Salat- und Vorspeisenbüffet ist eindeutig das A (wie Anchovis) und O (wie Olive) dieses Lokals. Hier darf man sich einen Beilagensalat nach eigener Wahl holen und gerät dabei unwillkürlich in Verzückung angesichts des pesto-kräuterigen Baby-Mozzarellas, der erdigen Roten Bete, des sahnigen Krautsalats, der krossen Croutons, des bunten Pfannengemüses...
Zubereitungszeit: geschätzte 15-20 Minuten, die man jedoch mit einem großzügigen Amuse Gueule (Körnerbrot mit einem Glas Schmalz) wunderbar überbrücken kann
Abgang: so einlullend, dass ich auf der Nachhausefahrt sofort einschlafe
Preis:  stolze, aber vollkommen gerechtfertigte 14,50 Euro (inklusive Salat vom Büffet)
Bewertung: Während man bei manchen Schmeck-den-Süden-Gastgebern schon mal an der Redlichkeit zweifelt, regiert hier oberste Transparenz: auf einer Tafel gegenüber des Eingangs sind die aktuellen Lieferanten der Rohstoffe zu sehen. Das Salatbüffet kann als sensationell bezeichnet werden. Lediglich den Kässpätzle fehlt es an Würze - und da hilft auch der Einsatz der Pfeffermühle nicht.


Lokalität: Biosphärenhotel Graf Eberhard
Bei den Thermen 2
72574 Bad Urach
Telefon: 07125/1480
E-Mail: info@hotel-graf-eberhard.de

Mittwoch, 8. Februar 2017

Tempi passati ****

















Zwischen Carl Lämmle und 200 Jahre Landesgeschichte vergeht die Zeit wie im Fluge. Als sich kurz nach 14 Uhr heftiger Appetit anbahnt, haben vielerorts schon die Küchen geschlossen - oder man schliddert haarscharf in das Loch zwischen Mittagstisch und kleiner Abendkarte. Nicht so im "Tempus", das nach mehrmonatiger Auszeit erst vor wenigen Wochen unter neuer Flagge wieder eröffnet hat und ein ambitioniertes Programm zwischen mediterranen Speisen und schwäbischen Klassikern anbietet.

Tatsächlich fühlt man sich fast in ferne Gestade entführt, in diesem hell durchfluteten, großzügig konzipierten Raum - vor bunt lasierter Keramik, die allen Speisen ein verheissungsvolles Leuchten unterlegt. Tröstlicher lässt sich ein düsterer Februarnachmittag bei Stuttgarter Feinstaubalarm fast nicht zubringen!

Menge: gerade richtig
Spätzle: die entstammen zwar nicht originär der mediterranen Küche, wurden aber überzeugend interpretiert
Käse: sortenreiner Emmentaler und Bergkäse mit ausgewiesener Herkunftsbezeichnung (Sennerei Lehern)
Zwiebeln: ein beachtenswertes Duett aus blond angeschmelzter Frischware und knurpselig frittierten Röstzwiebeln
Viskosität: angenehm soft
Beilage: dieses bescheiden als "kleiner Salat" titulierte Kunstwerk erinnert an blühende Landschaften: buschige Blattsalate, fruchtiges Rotkraut, gelb leuchtende Paprika, erdige Rote Bete, erstaunlich geschmacksintensive Scheiben von Gurke und Tomate - so wirkungsvoll drapiert, dass man das liebevolle Arrangement fast nicht zerstören mag
Zubereitungszeit: grob geschätzte 10 Minuten
Abgang: als wir noch im geschmacklichen Nachhall schwelgen, wird unser Wohlbefinden von einem Gratis-Tiramisu abgerundet (verspäteter Gruß aus der Küche, Restbestand von der Mittagskarte oder Wiedergutmachung für die mehrfach vergessene Cola?)
Preis: 10,50 Euro
Bewertung: Diese farbexplosive und mutig die imaginäre 10-Euro-Grenze überschreitende Kässpätzle-Variante hat mich rundherum glücklich gemacht!

Lokalität: Restaurant Tempus

Konrad-Adenauer Straße 16
70173 Stuttgart
Tel. 0711/86021283
E-Mail: essen@tempus-stuttgart.de

Montag, 16. Januar 2017

Ein Leben ohne Spätzle?
















Fundstück im Radolfzeller Seestern....

Samstag, 7. Januar 2017

Zur Krippe her kommet... ***

 
















Not- und Zufall liegen oft nah beisammen. Welch Glück, dass Maria und Josef einst eine Unterkunft mit Krippe gefunden haben. Und wir 2000 Jahre später eine offene Herberge gleich neben dem Krippenmuseum.

Dass dort auch noch wohlschmeckende Kässpätzle serviert werden, bietet unerwartete Stärkung und Trost an einem frostigen Winterabend. Die Speisekarte listet so viel deftige Hausmacherkost auf, dass mit Sicherheit auch Fleischliebhaber glücklich werden. Freunde regionalen Bieres ebenso.


Menge: die bestellte "kleine Portion" entpuppte sich glatt als doppelte oder dreifache
Spätzle: hier bewahrheitet sich meine These: je südlicher, desto knöpfleartiger
Käse: ein vollmundiger Emmentaler-Bergkäse-Mix - und davon nicht zu wenig!
Zwiebeln: jede Menge knurpselige Röstzwiebeln
Viskosität: kompakt und massiv
Beilage: der dazu bestellte kleine Beilagensalat würde allein schon satt machen und überzeugt mit frischem Feldsalat, würzigem Kartoffelsalat, gestiftelten Möhren, Rettich, Kraut plus zwei Tomatenachteln und einem Topping aus knackigen Sprossen
Zubereitungszeit: der Salat wurde nach 15 Minunten, die Spätzle gut 10 Minuten später kredenzt
Abgang: so pappsatt habe ich mich selten gefühlt
Preis: 7,00 Euro (für die offiziell "kleine Portion") plus 3,60 Euro (für den extra georderten Beilagensalat)
Bewertung: Gemütliches Ambiente, freundlicher Service und enorme Portionsgrößen verleiten zum Wiederkommen.

Lokalität: Gasthof zum Adler
Kirchplatz 31
89613 Oberstadion
Tel. +49735792050
E-Mail: info@adler-oberstadion.de 

Freitag, 6. Januar 2017

Bürger, Burger, Brauhaus **


















Schon beim Betreten der riesigen Hallen ergreift nich latenter Schwindel: eine wahre Armada emsiger Servicekräfte umschwirrt 280 Plätze, untermalt von einem grandiosen Gräuschpegel aus Geschirrklappern, Kindergeplärre und Gesprächsfetzen. Lange Holzbänke und -tische imitieren ein zünftiges  Brauhaus, internationale Besuchergruppen huldigen "pork shanks" und "swabian pasta".

An den Wänden historische Fotos der letzten beiden Jahrhunderte vom "Oberamt Böblingen", stattlichen Mannsbildern und fliessigen Frauen. Instintiv suche ich nach meinen Vorfahren, die keine 500 Meter von manchem Aufnahmeort gewohnt haben. Das ist durchaus noch weitere Recherchen wert!

Menge: was ursprünglich überschaubar wirkt, sättigt dann in Kombination mit einem Beilagensalat doch für etliche Stunden
Spätzle: die kommen von Bürger
Käse: auf meine Anfrage antwortet die Servicekraft mit Inbrunst: "Bergkäse  - der gibt auch den würzigen Geschmack!" Als ich um Nennung der genauen Herkunft bitte, kommt erste Unsicherheit auf und der Großhändler Metro wird als Lieferant genannt. Beim dritten Anlauf erfahre ich, dass immerhin  "Schwarzwald" auf der Tüte stehe. So viel zur ausgewiesenen Regionalität...
Zwiebeln: die laut Karte "gebräunten Zwiebel" verströmen einen angenehm herzhaften Umami-Geschmack
Viskosität: suppig-sahnig
Beilage: offiziell keine, ich bestelle jedoch einen kleinen Beilagensalat dazu (vorkonfektionierte Fertigblattsalate, geraspelter Rettich und Möhre)
Zubereitungszeit: die Kässpätzle werden nach schnellen 10 Minuten von Servicekraft A kredenzt, während der Salat einige Minuten später von Servicekraft B geliefert wird
Abgang: leicht, keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassend
Preis: 7,90 Euro (Käserahmspätzle) plus 3,90 Euro (kleiner Salat)
Bewertung: Etwas mehr Individualität und Persönlichkeit könnten diesem schwäbischen Leibgericht nicht schaden. Bei der gepriesenen Regionalität (laut der "Schmeck-den-Süden"-Philosophie sollten diese Käsespätzle "ausschließlich aus Rohstoffen unserer Region" bestehen. Offenbar: "nachweislich und kontrolliert") kommen Zweifel auf. Das kann auch durch das bemühte Engagement der Servicekräfte nicht wettgemacht werden. 

Lokalität: Brauhaus Schönbuch - Stuttgart
Bolzstrasse 10
70173 Stuttgart
Tel.: 0711- 722 30 930
E-Mail: info@brauhaus-schoenbuch.de

Montag, 26. Dezember 2016

Tödliche Kässpätzle ***







































Stolz kann ich den Genuss von über 250 Portionen meines Lieblingsgerichtes verkünden, ohne gravierende Schäden an Leib oder Seele erlitten zu haben. Doch das ist nicht jedem vergönnt.

Der Oberschwaben-Krimi Kässpätzlesexitus lässt schon vom Titel her gastronomisches Ungemach erahnen, auch wenn das Buch-Cover noch appetitliche Gelüste hervorrufen mag. Im nunmehr fünften Band der Serie um den Hobby-Ermittler Daniel Bönle (nicht nur phonetisch ein Alter Ego des Saulgauer Autors Michael Boenke) geht es heiß her: Sechs illustre Mannschaften treten zum „Zweiten Traditionellen Königseggwalder Kässpätzlewettessen“ an. Darunter die Motorrad-Gang MIKEBOSS, die ihr jüngst verstorbenes Mitglied Butzi durch den ulkig schwäbelnden kenianischen Dorfpfarrer Deodonatus "Deo" Ngumbo ersetzt hat. Auch die Mitbewerberinnen der „Busty Biker Brides“ führen eine Nachbesetzung durch: aus der  Ersatzbank springt Chantal „Schanti“ Heberle ein, deren offenkundige Bulimie als beste Kampfesvoraussetzung gehandelt wird.

Als erst Schanti während des Kässpätzle-Wettessens erstickt und am Tag darauf die resolute Köchin Berta tot im Pasteurschrank der WalderBräu Brauerei aufgefunden wird, kann nicht mehr von unglücklichen Zufällen gesprochen werden. Anlass genug für verquere Verschwörungstheorien und dummes Dorfgetratsche. Bis schließlich ein Täter gefunden wird, muss dann noch sehr viel Bier, Benzin und „Birnenplörre“ fließen – und das gesamte schrullige Personal der Riedprovinz seinen Einsatz haben: angefangen vom stets volltrunkenen „Flaschen-Gordon“ bis zum gescheiterten Informatikstudenten „Kurzschluss-Kurte“.

Der Autor Michael Boenke scheut in diesem Roman weder offenkundiges Product Placement noch unverbrämtes Lokalkolorit (im wahrsten Wortsinne). Inwieweit der Krimi auch als Oberschwaben-Gastroführer verwendet werden kann, wird noch angetestet. Der Saulgauer Bohnenstengel stand auf jeden Fall schon lang auf meiner Wunschliste!

Michael Boenke: Kässpätzlesexitus.
Meßkirch: Gmeiner, 2015. 277 Seiten.
ISBN 978-3-8392-1662-0
14,99 Euro

Freitag, 25. November 2016

Nemme normal ****

















Beträchtlich die Zahl meiner Vorkoster, Tippgeber und affiliierter Spätzle-Acifionados. Manche Empfehlungen dümpeln tatsächlich bis zur Umsetzung einige Jahre dahin, doch gut abgehangen schmeckt selbst meine Leibspeise um so besser.

Zum Spätzleschwob entführt mich ein langjähriger Mitesser, dem ich regelmäßig mein Dessert im Tausch gegen habhaftere Speisenbestandteile angeboten habe. Aber in dieser urschwäbischen Wirtschaft bleibt heute jeder auf seinem Teller. Keine Schwierigkeit bei der Vielfalt verlockender Angebote zwischen Apfelstrudel und Zwiebelrostbraten.

Menge: selbst bei grossem Appetit vollkommen ausreichend
Spätzle: die als "Nemme normal" titulierten Chili-Spätzle dürften östlich von Mexiko absoluten Seltenheitswert haben
Käse: eine Mischung aus Emmentaler, Gouda und Bergkäse in geheim gehaltener Mixtur
Zwiebeln: die sind Nebensache angesichts einer imposant hochgereckten Peperoni
Viskosität: außen herrlich kross wie ein gut angebratenes Omelette, innen flaumig und weich
Beilage: grüne Blattsalate mit einer unverzichtbaren Alibi-Cocktailtomate
Zubereitungszeit: der Koch überschlägt sich selbst: obwohl die Küche erst um 17:30 öffnet, steht schon eine Viertelstunde später unser bestelltes Essen auf dem Tisch
Abgang: wohlig und wonnig - möglicherweise auch aufgrund eines digestiven Nussler von der Schwarzwaldbrennerei Scheibel
Preis: 11,80 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Hoher Exotismus- und Prominenten-Faktor (am Nebentisch palavert tatsächlich Joe Bauer mit einem Flaneurskollegen). Charmanter Service. Volles Haus. Einzigartige Kässpätzle-Interpretation.

Lokalität: Zum Spätzleschwob
Vogelsangstrasse 50
70197 Stuttgart
Tel. 0711/636 31 89
E-Mail: info@zumspaetzleschwob.de