Samstag, 11. Mai 2019

Von der Tauber an den Nesenbach ***

















Tauberquelle? Liegt Stuttgart nicht eher an Neckar und Nesenbach? Und die Quelle der Tauber gut 100 Kilometer entfernt? Naja, seien wir nicht traditioneller als Thaddäus Troll und lassen wir beim Lokalnamen ruhig mal alle Erdkundekenntnisse ruhen.

Das traditionsreiche Stuttgarter Restaurant kann zumindest als verlässlicher Quell urschwäbischer Küche gelten. Und das in einem gemütlichen Ambiente ohne anbiederndem Lokalkolorit. Zwar herrscht bei kühlem Wetter drängende Enge im Gastraum, doch dabei kommt man gerne seinem Nebensitzer näher. Der lässt uns sogar von seinem Serviettenknödel kosten.

Menge: hier stehen Hauptgericht und Beilage endlich mal in ansprechender Korrelation
Spätzle: schmecken hausgemacht
Käse: sollte diese herrlich fädenziehende, satt vollmundige und nicht zu sparsam verwendete Zutat tatsächlich nur schnöder Emmentaler gewesen sein? Kaum zu glauben!
Zwiebeln: das gab´s noch nie: die butterweich geschmälzten Zwiebeln liegen stückig im Spätzle-Käse-Konglomerat eingebettet - wie Gemüse in einem Omelett
Viskosität: elastisch
Beilage: ein sehr anständiger, reichhaltiger Beilagensalat mit würziger Vinaigrette, aber leider viel zu schlonzigem Kartoffelsalat
Zubereitungszeit: verdächtig kurze 5 Minuten, die die forsche Bedienung mit dem aufmunternden Kommentar begleitet: "Aber Sie hen doch Honger!"
Abgang: überraschend leicht
Preis: 11,90 Euro (inklusvie Beilagensalat)
Bewertung: Herzhafte Konsistenz, schmackhafte Zutaten und ein wohliges Gaumengefühl hätten Bestnoten verdient - wenn uns nicht die ultrakurze Zubereitungszeit etwas unangenehm aufstoßen würde.

Lokalität: Tauberquelle
Torstr. 19
70173 Stuttgart
Tel.: +49 (0) 711 5532933
E-Mail: info@tauberquelle-stuttgart.de

Montag, 15. April 2019

Auf der Suche nach Mo ***


















Heutzutage wird man nicht mehr häufig in ein Esszimmer eingeladen. Und wer ist Mo? The Mothers of Invention? Ein ländlicher Ableger von Mos Eisley? Oder schlichtweg der coole Nickname des Besitzers?

Die Suche nach Mo treibt uns an einem Montagmittag ins kulinarisch eher vernachlässigte Schönaich. Das Esszimmer enpuppt sich als verwunderliches Crossover zwischen einem rustikalen amerikanischen Diner und der flitternden Glitzerwelt einer türkischen Hochzeit. Da wir die einzigen Gäste sind, kann sich ein sehr bemühter, fast serviler jugendlicher Kellner (Mo´s Grossneffe?) ganz und gar unserem Wohle widmen.

Menge: eine üppige Portion
Spätzle:  vollschlank und vollmundig
Käse: Gouda
Zwiebeln: fein angeschmelzte Zwiebelstreifen
Viskosität: extrem sahnig
Beilage: eine sparsame Deko von relativ geschmacksneutralen Bauteilen eines Beilagensalats - mit einem Klacks roséfarbener Cocktailsauce
Zubereitungszeit: relativ rasche 12 Minuten
Abgang: die gehaltvolle Sahnebombe stopft enorm
Preis: 8,80 Euro inklusive Salatdekoration plus 0,2 Liter eines Softgetränks (als Mittagstisch-Angebot)
Bewertung: Nach diesem Besuch sind Augen und Magen dermassen gestättigt, dass wir unverzüglich aufs heimische Canapée niedersinken.

Lokalität: Mo´s Esszimmer
Bahnhofstr. 8
71101 Schönaich
Tel. 07031 9227321
E-Mail: info@mos-esszimmer.de

Sonntag, 7. April 2019

Angewandte Lebensfreude ***

















Hier röhrt noch Rory Gallagher und ächzt AC/DC. Zumindest revivalmässig. Fernab jeder grösseren Metropole und weit draussen auf der Alb hat sich eine Alternativ-Kultur erhalten, deren Ambitionen alle Zeitläufte überstehen. Hier fühlt man sich glatt noch in seine Jugend und die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück gebeamt.

Der "Verein für angewandte Lebensfreude" betreibt unter wechselnder Ägide im sonst eher verschlafenen Meidelstetten das Gasthaus Adler, dem durchaus noch die ursprüngliche Dorfwirtschaft anzusehen ist. Mit entwaffnender Natürlichkeit kommen hier saisonale und regionale Produkte zum Einsatz, ohne dass man einen grossen Bohei daraus machen würde.

Menge: selbst die kleine Portion ist noch gehörig
Spätzle: "Natürlich hausgemacht", wie man uns mit Inbrunst versichert
Käse: offenbar ein spezieller Spätzles-Käs-Mix (der Gastro-Grosshandel grüsst)
Zwiebeln: reichlich krosse Röstzwiebeln
Viskosität: elastisch
Beilage: unter der unspektakulären Oberfläche offenbart der Beilagensalat wahre Schätze: ultrafein geraspelte Möhren-, Rettich- und Zucchinistreifen, zarte Gurkenscheibchen, knätischiger Kartoffelsalat, junger Blattsalat - mit einem leichten Dressing wie einst bei Muttern Käthe
Zubereitungszeit: geschätzte 20 Minuten
Abgang:  das späte Mittagessen sättigt bis tief in die Nacht hinein
Preis: 9,40 Euro für die kleine Portion (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Ehrliche Küche mit leicht weltläufigen Anklängen - und wenn es nur der Chilifaden als Deko über den schwäbischen Spätzle ist. "Schmeck den Süden" ist natürlich auch im Spiel.

Lokalität: Gasthaus Adler
Kirchgässle 3
72531  Hohenstein-Meidelstetten
Tel: 0 73 87 / 98 88 94
E-Mail: info@adler-meidelstetten.de

Samstag, 6. April 2019

La vie en rose *****

 

















Selten offenbare ich meine Mission und lüfte den Inkognito-Schleier. Doch zwischen der Ankündigung meines Kommens und der tatendurstigen Ausführung liegen so viele Jahre, dass die Kässpätzle schon aus der Speisekarte verschwunden sind.

Das muss kein Hinderungsgrund sein. In der Küche mobilisiert man alle Kräfte und besonders das Knowhow eines Frankfurter Experten. Und das vollkommen unaufgeregt und ohne Diskussion. Bis zur Vollendung kühlen wir unseren Geist mit einem lauten Viva con Aqua, gefolgt von einem sensationellen Big Ben. Denn ein besonderes Fest will gefeiert werden: den 300. Beitrag dieses Blogs!

Menge: wie immer, wenn alle Sinne auf Hochtouren laufen, muss ich kapitulieren und schaffe nicht die ganze Portion
Spätzle: flachbrüstig, fast wie breite Nudeln anmutend
Käse: ein erstaunlich geschmacksintensiver Emmentaler
Zwiebeln: Röstzwiebeln können ad hoc nicht herbeigezaubert werden - doch von den alternativ angebotenen Schmelzzwiebeln mit unterschwelligem Kräuteraroma (ich tippe auf Thymian) gebe ich mir die volle Ladung
Viskosität: geschmeidig
Beilage: der Salatteller vereint ein ganzes Bouquet vegetabiler Genüsse, die die Küche aktuell zu bieten hat: vor allem knackige Blattsalate und Sprossen, erdig aromatische Möhren- und Selleriestreifen, Ablinsen und getrocknete Tomaten, Kartoffelsalat und zwei Grissini als Topping
Zubereitungszeit: die Uhrzeit ganz aus dem Blick verlierend, erfreue ich mich an einem farbintensiven Amuse Buche von Wurzelgemüsen
Abgang: von einem Palmischbirnenbrand gekrönt
Preis: der bleibt allseits ein Geheimnis
Bewertung: Was länge währt, wird endlich gut. Flankiert von weiteren kulinarischen Genüssen und önologischen Offenbarungen gerät der Rose-Abend zum unvergesslichen Erlebnis. Daher einen Gruss zurück an die Küche und besten Dank für die aussergewöhnliche Umsetzung meiens Wunschgerichts.

Lokalität: Bio-Restaurant Rose
Aichelauer Strasse 6
72534 Hayingen-Ehestetten
Tel.: 07383/94980
E-Mail: info@biorestaurant-rose.de

Dienstag, 12. März 2019

Würfel mit Ausblick ***


 





























Urbaner, zentraler, transparenter könnte sich ein internatinales Top-Restaurant kaum gebärden. Wer tatsächlich einen Tisch in vorderster Reihe ergattert, glaubt freischwebend über dem Stuttgarter Schlossplatz zu dinieren - Schwindelfreiheit vorausgesetzt.

Im vierten Stock des gläsernen Kubus treffen sich zur Mittagszeit Business People, japanische Touristen, bildungsbürgerliche Familien und Freundinnengrüppchen nach dem Stadtbummel. Die Kunst kann später kommen. Im Gegensatz zur hochpreisigen Abendkarte ist das Mittagsangebot durchaus finanzierbar.

Menge: eine etwas magersüchtige Mini-Portion
Spätzle: augenscheinlich durch die Spätzlespresse gedrückt
Käse: gefälliger Edamer
Zwiebeln: blond angeschmelzte Würfelchen mit einem Kresse-Topping
Viskosität: von cremiger Geschmeidigkeit
Beilage: keine - der extra hinzu bestellte Beilagensalat ist tendenziell fade, geschmacklos und nur nach ausgiebiger Benutzung von Salz- und Pfefferstreuer zu geniessen
Zubereitungszeit: just in time
Abgang: kaum spürbar
Preis: 9,90 Euro (plus 4,90 Euro für einen Beilagensalat)
Bewertung: Der sensationelle Ausblick und der adrette Service können kaum über die Dürftigkeit der Portion und den Mangel an Geschmack hinwegtrösten. Doch wir wissen den Genius Loci zu schätzen und drücken sämtliche Augen zu (auch angesichts der blendenden Mittagssonne).

Lokalität: CUBE Restaurant
Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schloßplatz 1
70173 Stuttgart
Tel.: 0711 / 280 44 41
E-Mail: info@cube-restaurant.de

Donnerstag, 7. März 2019

Betende Hände ***



Im historistischen Nürnberg muss Altmeister Albrecht Dürer für alles mögliche herhalten: sein Konterfei auf Zinnkrügen und Bierhumpfen, am Flughafen und in Restaurants. Der allgegenwärtige Gebrauch seines Namens kann schon mal zu gastronomischen Verwechslungen führen. Doch Umwege erhöhen die Ortskenntnis.

Mit letzter Muskelkraft erklimmen wir den zweiten Stock des schmalen Fachwerkgebäudes. Alle Achtung: wer hier als Servicekraft werkelt, muss über athletische Durchtrainiertheit verfügen.

Menge: ausreichend
Spätzle: deftig und vollschlank
Käse: ein würziger Gruyére
Zwiebeln: leider wurde mit den krossen Schnipseln sehr gespart (beim nächsten Mal bitte mehr davon)
Viskosität: schlonzig
Beilage: grob geraspeltes Weiss- und Blaukraut in fruchtigem Orangendressing auf Blattsalatbett
Zubereitungszeit: fast eine halbe Stunde bei vollem Haus zur besten Essenszeit
Abgang: das Kraut-Gruyére-Konglomerat sorgt für respektable Blähungen
Preis: 10,60 Euro (inklusive Salatbeilage)
Bewertung: Gepflegtes Brauhaus mit fränkisch-kreativer Küche und günstigen Preisen.

Lokalität: Zum Albrecht-Dürer-Haus
Obere Schmiedgasse 58
90403 Nürnberg
Tel.: +49 (0) 911 211 449 40
E-Mail: info@zum-albrecht-duerer-haus.net

Freitag, 15. Februar 2019

Rottweil, schwarz-gelb ****

















Wer in der Fasnetszeit durch das geschmückte Rottweil spaziert, glaubt sich in der Fankurve von Borussia Dortmund. Dermaßen geblendet von schwarz-gelben Girlandenschmuck und halb betäubt vom lauten Klepfen, finden wir am frühen Nachmittag kaum ein offenes Lokal.

Welch Glück, dass uns das historische Rößle (neben dem Becher eines der ältesten Lokale der Stadt) geradezu mit offenen Armen empfängt - und mit einer beeindruckenden Geschichte. Hier hat zwar Napoleon noch nicht übernachtet, aber immerhin Herzog Carl Eugen mit seiner früheren Mätresse Franziska diniert. Und das schon vor 230 Jahren!

Menge: wer kann nur diese riesigen Portionen verdrücken? Wir nicht! Gut die Hälfte wird eingepackt.
Spätzle: sehr eierlastige und gehaltvolle, sattgelbe Hausmacherware
Käse: heute ein Lindenberger pur - ansonsten zuweilen ein Mix mit Emmentaler
Zwiebeln: ein Berg aus sanft geschmelzten Gemüsezwiebelringen legt sich wie eine schützende Decke über die Kässpätzle
Viskosität: eher trocken, mit phänomenal langen Käsefäden
Beilage: wo andernorts gespart wird, gehört hier selbstverständlich ein üppiger Salatteller mit frischen Blattsalaten, knätschigem Kartoffelsalat und würzigen Weisskraut-, Karotten- und Rettichstreifen zum Arrangement
Zubereitungszeit: die aromatische Flädlesuppe als Vorspeise erreicht uns nach knapp 20 Minuten, der Hauptgang etwas später
Abgang: nach dieser Völlerei zwickt es an allen Ecken und Enden
Preis: 9,50 Euro inklusive eines riesigen Beilagensalates
Bewertung: Mächtige Portionen zu unerwartet günstigen Preisen. Dazu ein bodenständiges, ungestyltes Ambiente wie aus unserer Jugendzeit. 

Lokalität: Gaststätte Rößle
Waldtorstraße 25
78628 Rottweil
Tel. 0741/9429969