Sonntag, 2. September 2018

Unter einem guten Stern ****

















Während draussen vor der Türe, am Bodanplatz, ein vermeintlicher Genussmarkt tobt, spielen sich die wahren Genüsse hinter geschlossenen Türen und auf der 1. Etage ab. Im stilvollen Ambiente längst vergangener Zeiten wird im Goldenen Sternen bei blank geputztem Tafelsilber und gestärkten weißen Tischdecken feinste Küche zelebriert. Hier werden die Speisen noch auf einem Wägelchen angerollt und unter einer Cloche warm gehalten.

Menge: mehr als ausreichend
Spätzle: breite, füllige, handgeschabte Prachtstücke
Käse: reiner Emmentaler, mit Sahne verfeinert
Zwiebeln: reichlich crispy Röstzwiebeln
Viskosität: samtweiche, butterzarte Konsistenz
Beilage: ein Gedicht von einem Beilagensalat: zarte Kopfsalatblätter, würziger Rucola, Möhrenspiralen und Tomatenstückchen
Zubereitungszeit: etwa 20 Minuten
Abgang: macht satt und glücklich
Preis: ambitionierte, aber angemessenene 14,50 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Gehobene, leicht skurrile Gastrokultur mit kuriosem Service. Einzigartig: ein ausladendes Spirituosenregal als Raumteiler.

Lokalität: Hotel Restaurant Goldener Sternen
Bodanplatz 1
78462 Konstanz
Telefon   +49 7531 / 25228
Telefax   +49 7531 / 21673
E-Mail: info@goldener-sternen-konstanz.de

Freitag, 10. August 2018

Hinter Schloss und Riegel ***

















Man nehme ein verwunschenes Dornröschenschloss aus dem Jahre 1550, ein geschicktes Marketingkonzept  und einige vollmundige, verbale Ausschweifungen: fertig ist das "Historant" im Immenstadter Stadtschloss. An einem lauen Augustabend kann man hier malerisch vor der Tür sitzen - wie auf einem Renaissance-Marktplatz in Mittelitalien.

Eine der adretten weiblichen Servicemädel erklärt uns enthusiastisch die Zubereitungsweise der Kässpätzle, die zufälligerweise auch ihr Lieblingsgericht sind. Bei so viel Begeisterung kann kaum was schief gehen, oder?

Menge: das gusseiserne Pfännle fasst eine stattliche Portion - die Reste werden uns gerne eingepackt
Spätzle: gehobelte knurpselige Knöpfle
Käse: eine einzigartige Mischung aus Allgäuer Bergkäse, Limburger und Emmentaler
Zwiebeln: soft geschmälzt und leider viel zu wenig
Viskosität: in suppiger, salziger Brühe schwimmend
Beilage: der überschaubare Beilagensalat besteht hauptsächlich aus Blattsalaten, mit ein paar Gurken- und Paprikastückchen garniert
Zubereitungszeit: die gar nicht lange Wartezeit wird uns mit einem Gruß aus der Küche verkürzt: ein Schälchen mit Kräuterquark, samt dreierlei Brotscheiben
Abgang: die stark übersalzene Käse-Brühe-Mischung sorgt für nachhaltigen Durst
Preis: 11,90 (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Das ambitionierte Nutzungskonzept des Schlosses, das historische Ambiente und der authentische Service können leider über einige kleine Unzufriedenheiten nicht hinwegtrösten. Beim nächsten Besuch probieren wir einfach ein anderes Gericht!

Lokalität: Schloss Immenstadt
Historant
Marienplatz 3
87509 Immenstadt
Tel: 08323-999 56 22
E-Mail: reservierung@schloss-immenstadt.de

Donnerstag, 9. August 2018

Fast ein Volltreffer ***


















"Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" schrieb Wolf Wondratschek anno 1969. Obwohl wir es weniger martialisch lieben, jubilieren wir lauthals, als nach langer vergeblicher Restaurantsuche endlich ein Gasthaus namens "Schießstätte" auftaucht. Da wird nicht lang gefackelt, sondern ein schattiger Tisch gesucht und - schon halb hypoglyklämisch - der Chefin die Bestellung übern Tisch zugerufen.

Menge: der riesige Teller von der Größe einer Schießscheibe fasst tatsächlich eine stattliche Portion
Spätzle: wie überall im Allgäu: eher Knöpfle
Käse: rezenter Allgäuer Bergkäse
Zwiebeln: reichlich Röstzwiebeln von angenehm ledriger Konsistenz und würzigem Geschmack
Viskosität: gehörige Fäden ziehend
Beilage: ein Beilagensalat kann am Büffet selbst nach Wunsch zusammengestellt werden - augenscheinlich alles hausgemacht und in der Küchenmaschine zerkleinert: Gurke, Möhre und Rettich in dicken Stiften, Blaukraut in Scheiben. Der Kartoffelsalat kommt nach Schwabenmanier noch lauwarm und gut sämig daher!
Zubereitungszeit: kaum eine Viertelstunde
Abgang: etwas beschwerend
Preis: 9,80 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Hier zeigt sich einmal wieder: Vereinsheime (auch  nur vermeintliche) sind nicht das Schlechteste! Dieser Schießstand hat uns auf jeden Fall vorm Verhungern und Verdursten bewahrt. Mit bodenständiger Hausmannskost, herzhaften Schmankerln und ehrlichem Service.

Lokalität: Gasthaus Schießstätte
Schützenstraße 4
87544 Blaichach
Tel. 08321 / 788 000 0
 E-Mai: info@schiessstaette-blaichach.de

Sonntag, 5. August 2018

Mit Speck fängt man Mäuse ***

















Okay, okay, es gehört schon eine Menge Enthusiasmus dazu, um bei hitzigen Temperaturen von 30 Grad zum Kässpätzle-Essen auszuschwärmen. Doch Hausfreund Mike tritt mutig als Begleitung an - mit kurzen Hosen, einem Wassersprüher und vermeintlichen Ortskenntnissen. Als wir schon fast  dehydriert und halb komatös den Freudentstädter Marktplatz umrundet haben, entdecken wir durch  Zufall diese rustikale, einladende Location mit luftigem Gastgarten direkt vor der Türe. Augenblicklich können wir keinen Schritt mehr weitergehen und lassen uns erschöpft nieder.

Menge: diese zünftig in einem Pfännle servierte Portion ist eher für einen körperlich aktiven Holzfäller gedacht und lässt sich nur unter Stöhnen und durch Mithilfe eines mitleidigen Mitessers bewältigen
Spätzle: die wurden aus Lossburg zugekauft, wie der Patron überzeugend ehrlich zugibt
Käse: zahmer Bergkäse aus dem Schwarzwald
Zwiebeln: leicht karamellisierte Schmelzzwiebeln (leider viel zu wenig)
Viskosität: gefällig
Beilage: vom Beilagensalat mit Gurke, einem Alibi-Tomatenachtel und Blattsalaten sei vor allem der spektakulär knätschige Kartoffelsalat erwähnt - herrlich, ganz nach meinem Geschmack!
Zubereitungszeit: unglaublich kurze 10 Minuten
Abgang: enorm sättigend; das prophylaktisch konsumierte Zibärtle für verdächtig günstige 2,50 Euro schmeckt leider hauptsächlich sprittig
Preis: mit 9,80 Euro (inklusive Beilagensalat) knapp unter der magischen Schallgrenze
Bewertung: Gefällig komponierte schwäbische Speisen in einem klug inszenierten Setting aus Schwarzwald-Feeling, Rustikalität und gespielter Authentizität.

Lokalität: Zum Speckwirt 
Marktplatz 45
72250 Freudenstadt
Tel.: 07441 9195680  
E-Mail: info@speckwirt-fds.de

Freitag, 27. Juli 2018

Essen wie im Krankenhaus **

















Alle Wege führen ins Landratsamt. Wem zwischen Kfz-Zulassung und BaföG-Beantragung der Magen brummt, dem sei ein Gang ins Untergeschoss durchaus geraten. Das hiesige Betriebsrestaurant - nach der kürzlichen Renovierung äußerst schmuck herausgeputzt - steht selbst externen Besuchern offen. Dafür dürfte der Landrat wohl nie gesichtet werden und auch die Inhouse-Bediensteten essen hier vorsichtshalber nicht viel mehr als ein Joghurt.

Schade, denn die blitzeblanke Sauberkeit und der schattige Gastgarten dürften in Böblingens Innenstadt kaum zu toppen sein.

Menge: kann selbst dosiert werden
Spätzle: zu einem rechteckigen Klotz zusammengepresst
Käse: bergeweise geriebener Käse
Zwiebeln: blähungsvermeidend gar nicht erst vorhanden
Viskosität: von der Konsistenz einer soften Grießschnitte
Beilage: beliebige Mengen beliebiger Beilagen können selbst auf den Teller gehäufelt werden - wir entscheiden uns für Kaisergemüse (Convenience) und Rahmspinat (geschmacklos-fad), aber auch Reis, Dampfkartoffeln und zweierlei Saucen wären großzügig im Angebot
Zubereitungszeit: unbekannt
Abgang: flau
Preis: 4,50 Euro (für Externe)
Bewertung: Geschmacksneutrale, leicht zu schlürfende Speisen ohne Biss und ohne Schmiss! Täuschen wir uns oder trägt der Speiseplan das selbe Logo wie der Klinikverbund Südwest? Wir vergeben dennoch zwei Gnadenpunkte für den absolut günstigen Preis, die ansprechende Präsentation und den sehr freundlichen Service.

Lokalität: Landratsamt Böblingen
Betriebsrestaurant "Meet & eat"
Parkstr. 16
71034 Böblingen

Donnerstag, 28. Juni 2018

Wälderkäse und Ochsenblut ****

 


Dass im Vorarlberg mit die besten Kässpätzle (vulgo: Käsknöpfle) serviert werden, gehört zu den gastronomischen Grunderkenntnissen. Da schlägt das Spätzialistenherz jedes Mal höher, wenn wieder eine kleine Kulturreise ins austriakische Ländle führt.

Das Rote Haus in Dornbirn ist eine Empfehlung der Concierge. Größer könnten die architektonischen Unterschiede kaum sein: hier die amorphe futuristische Blase unseres Hotels, dort das mehrere Jahrhundert alte Traditionsgebäude, das einst im 18. Jahrhundert seinen Schutzanstrich durch rotes Ochsenblut und Ochsengalle erhielt. Heutzutage ist höchstens noch Tafelspitz im Spiel - und das sehr gepflegt auf dem Teller.

Menge: so habhaft und sättigend, dass keine Vorspeise, kein Dessert noch Platz hätten
Spätzle: handgepresste Vorarlberger Knöpfle
Käse: ein rezent würziger Wälderkäse, der einem glatt die Schuhe auszieht
Zwiebeln: sanft angedämpfte Schmelzzwiebeln
Viskosität: überraschend trocken
Beilage: weder das in der Karte ausgewiesene Apfelmus (urrrgghhh!) noch der alternative Kartoffelsalat erscheinen uns angebracht, so dass wir freihändig einen kleinen bunten Blattsalat ordern (Kellner András schaut kritisch über seine Lesebrille: "Passt das denn??")
Zubereitungszeit: Zitat aus der Karte: "Auf Grund unserer über 300 Jahre alten Räumlichkeiten und hieraus resultierenden kleinen Küche, entschuldigen wir uns für etwaige, daraus entstehende Wartezeit."
Abgang: so perfekt, dass nicht mal ein Digetif vonnöten ist
Preis: 14,20 Euro für Käsknöpfle mit Beilage (Möglichkeiten siehe oben)
Bewertung: Ein harmonisches kulinarisches Geschmackserlebnis im historischen Ambiente des sorgsam restaurierten Wahrzeichen Dornbirns. Vinologisch empfehlen wir dazu einen zartschmelzenden Blaufränkisch vom burgenländischen Weingut Gager.

Lokalität: Rotes Haus
Marktplatz 13
A-6850 Dornbirn
Tel. ++43557231555
E-Mail: roteshausdornbirn@gmail.com

Donnerstag, 10. Mai 2018

Zwischen Maibock und Mostschorle ***



Kein Wunder, dass sich der Goldene Adler seit 1876 in den Händen einer Metzgersdynastie befindet: die umfangreiche Speisekarte mit schmückender Schmeck-den-Süden-Zertifizierung dürfte jedes Carnivorenherz höher schlagen lassen! Da ich die letzten Sauren Nierle im letzten Jahrhundert goutiert habe, bleibt mir nur der interessierte Blick auf übervolle Nachbarteller, die vor glänzenden Fleischbrocken und sämiger Soße förmlich überquellen. Sogar die vom Grund her vegetarischen Kässpätzle werden mit Speck angeboten. Ist aber kein Muß!

Dass wenige Hundert Meter entfernt eine nahe Verwandte liegt, der ich bei zahlreichen Hausschlachtungen assistiert habe, setzte den Koinzidenzen noch die Krone auf. Ich erhebe mein überaus leckeres Mostschorle (grandios!) und stoße in Gedanken auf unser aller Wohl an!


Menge:  eine riesige Portion, serviert in einem noch riesigeren tiefen Teller
Spätzle: eindeutig hausgemacht
Käse: vermutlich Emmentaler
Zwiebeln: winzige Stückchen von ledrig-würzigen Röstzwiebeln
Viskosität: kurz zierliche Fäden ziehend, danach eher trocken (der Speck hätte sicherlich für mehr  Geschmeidigkeit gesorgt)
Beilage: der extra dazu bestellte Beilagensalat ist förmlich ein Gedicht: schön knätschiger Kartoffelsalat, zweierlei Möhre (rohe Juliennestreifen und gekochte Scheiben), sauer eingelegte rote Paprika, süsslich marinierter Chinakohl, gehobelte Gurke und Blattsalate in sahnigem Dressing
Zubereitungszeit: kaum länger als eine Viertelstunde
Abgang: trotz gleichzeitigen Konsums von fast einem Liter Mostschorle aus eigener Herstellung ergibt sich keine explosive Mischung, sondern eine angenehme Symbiose
Preis: 8,20 Euro (Kässpätzle) plus 4,00 Euro (Beilagensalat)
Bewertung:  Das Maibockgulasch meines Mitessers, der entzückende Blick auf ein verwunschenes Gärtlein und das nun angenehm reduzierte Ambiente des nach einem verheerenden Brand wiederaufgebauten Gasthofes: das alles hinterlässt wohlige Gefühle. Bei den Kässpätzle würde ich mir eine kleinere Portion, doch dafür mit begleitendem Beilagensalat wünschen.

Lokalität: Goldener Adler
Neckarstraße 5
72160 Horb
Tel. +49 (0) 7451 - 55 29 90
E-Mail: info@goldener-adler-hotel.de