Mittwoch, 4. Mai 2016
Lichtenstein leuchtet ****
Hoch überm Echaztal klebt das Märchenschloss Lichtenstein so fotogen an einem Felsen, dass man es glatt für eine virtuelle Inszenierung halten könnte - wenn es nicht ein neugotischer Nachbau wäre. Die Aufgaben des Alten Forsthauses nebenan wandelten sich zeitgemäß von der einstigen Wilderei-Bekämpfung bis zur heutigen Gastwirtschaft. Ganz nach unserem Gusto!
Wer nicht im großen Festsaal diniert, kann es sich im Kaminzimmer gemütlich machen, dessen Schiebetür an ein Eisenbahnabteil erinnert. Möge diese Reise nur nicht so schnell enden...
Menge: stattliche Riesenportion, in einer überdimensionierten Pfitzauf-Auflaufform serviert
Spätzle: selbstgemacht (keine Frage)
Käse: klassischer Emmentaler
Zwiebeln: ein Topping aus marmeladig angeschmälzten Zwiebelstreifen mit leicht süßlichem Aroma
Viskosität: mit knusprig-kross überbackener Oberfläche - darunter sanft elastische Fäden ziehend
Beilage: der solide Beilagensalat unter leichtem Sahnedressing bietet grüne Blattsalate, zwei Tomatenscheiben, gehobelte Gurke, gestiftelte Möhren und Krautsalat in Streifen
Zubereitungszeit: 40 Minuten, die sich lohnen und in denen wir ausgiebig die berauschende Aussicht genießen
Abgang: zur Verdauung empfiehlt sich ein Engstinger Quittenbrand
Preis: 9,50 Euro (inkl. Beilagensalat)
Bewertung: Sowohl die riesigen Portionen (von denen glatt zwei Personen satt werden könnten) als auch der sensationell freundliche Service und der wundervolle Ausblick auf die Achalm und das Echaztal verdienen Bestnoten. Regionale und saisonale Speisen sind hier selbstverständlich!
Lokalität: Altes Forsthaus
Schloss Lichtenstein 1
72805 Lichtenstein
Tel.: 07129/2440
E-Mail: info@altesforsthauslichtenstein.de
Montag, 2. Mai 2016
Schwarzwälder Schonkost ***
Während oben auf dem Sommerberg die (noch) Sportiven den Baumwipfelpfad erklimmen oder downhill biken, schlurft man unten an der Enz eher am Rollator entlang. Der abendliche Hunger auf Deftiges führt alle zusammen.
Doch der rustikale Gewölbekeller und die zünftigen Lederhosen des Patrons täuschen: meine andernorts oft sahnige, schwer verdauliche Leibspeise kommt hier so soft und leicht daher, als ob sie direkt in der nahen Klinikküche dem Dampfgarer entwichen wäre. Beim späteren Warten auf den Ausdruck der Rechnung nicken wir fast schon sediert ein.
Menge: die kleine Portion reicht - der standardmäßig vorgesehene Schinken wurde auf eigenen Wunsch gestrichen
Spätzle: schlank und zartgliedrig, mit dünnen Schnittlauchröllchen garniert
Käse: gut verträglicher Emmentaler ohne nennenswerten Eigengeschmack
Zwiebeln: winzig fein geschnitten und gedämpft
Viskosität: bouillionartig, eher suppig
Beilage: ein Beilagensalat mit Tiefenwirkung: unterm leicht wässrigen Blattsalat verstecken sich kräftige Karottenstreifen, würziger Krautsalat und aromatischer Fenchel. Danke, dass man uns das übliche Alibi-Tomatenachtel erspart hat!
Zubereitungszeit: 25 Minuten
Abgang: schlaffördernd und beruhigend
Preis: 8,80 Euro (inkl. Beilagensalat) für die kleine und 11,00 Euro für die große Portion
Bewertung: Neben der unerwarteten Schonkost-Variante verdient dieses Lokal noch zwei Bonuspunkte für 1.) die Öffnung am Montag und 2.) einem auf Wunsch sortenreinen Weinschorle
Lokalität: Wildbader Hof
König-Karl-Straße 43
75323 Bad Wildbad
Tel:: 07081/ 2476
E-Mail: info@wildbaderhof.de
Donnerstag, 14. April 2016
Wir sitzen alle im selben Boot **
Heute bringt mich der Gesprächskreis des "Runden Tisches" unversehens an einen eckigen. Nach wechselnden Pächtern teste ich erstmals seit 6 Jahren wieder das Bootshaus an. Das platzt an einem regnerischen Aprilmittag förmlich aus allen Nähten und kann Zuspätgekommenen nur noch einen feuchten Terrassenplatz anbieten.
Offenbar rockt der überaus günstige Mittagstisch (5 Euro für vegetarische und 7 Euro für fleischhaltige Arrangements) das Boot. Immerhin ist der agile Service dem Andrang erstaunlich gut gewachsen - was man von Böblinger Lokalen nicht immer sagen kann...
Menge: zusammen mit dem Beilagensalat gut sättigend
Spätzle: "die machen wir selber" kann die Servicedame glaubhaft versichern
Käse: Emmentaler und Limburger
Zwiebeln: an den steinharten Röstzwiebeln könnte man sich Zähne ausbeißen
Viskosität: weich und nachgiebig
Beilage: unter einem grünen Deckmantel mit rotem Paprika-Eyecatcher befindet sich fein gehobeltes Kraut, süsslich angemachte Möhrenstiftchen und rezente Gurkenstreifen - alles in einem zitronig-frischen Dressing
Zubereitungszeit: etwas über eine Viertelstunde
Abgang: unbeschwert
Preis: 11,00 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Solides, sättigendes Mainstream. Ein im zweistelligen Bereich liegender Preis lässt andernorts jedoch mehr Exklusivität erhoffen.
Lokalität: Bootshaus Böblingen
Mönchweg 6
71032 Böblingen
Tel. 07031/234790
E-Mail: info@bootshaus-boeblingen.de
Sonntag, 10. April 2016
Herzog Friedrich hätte seine Freude ***
Freudenstadt lockt mit einer Vielfalt von Heilsversprechen nicht nur moribunde Rentner an. Oben auf dem Hausberg Kienberg (auch für Fußkranke und Versehrte bequem erreichbar mit dem Kurbähnle) hat vor gut einem halben Jahr - auf den Grundmauern des ehemals reichlich abgehalfterten und altjüngerferlichen Cafés am Friedrichsturm - eine sehr stylische Location im aufgemotzten Landhaus-Look eröffnet. Vermutlich hat der Innenarchitekt mit diesem geballten Black-Forest-Feeling seine Doktorarbeit vollbracht. Nicht umsonst gehört hier die Schwarzwälder Kirschtorte zu den gefühlt am häufigsten bestellten Speisen.
Menge: reichlich - nur der Anstand verbietet mir, den verbliebenen Rest einpacken zu lassen
Spätzle: schlank, gleichförmig und offenbar hausgemacht
Käse: der sehr bemühte, aber in Interna ziemlich unwissende Kellner versucht es mit folgenden Antworten (in dieser Reihenfolge): a) Allgäuer Hüttenkäse b) vom Großmarkt, "da muss ich mal auf die Tüte schauen" c) Emmentaler
Zwiebeln: geschmälzte Zwiebelringe
Viskosität: angenehm cremig, mit knackig überbackener Oberfläche
Beilage: keine (ein wahres Manko!)
Zubereitungszeit: 20 Minuten
Abgang: wohlig
Preis: 7,50 Euro
Bewertung: Trotz mangelndem Beilagensalat und fehlender Transparenz der Inhaltsstoffe haben mich die grandiose Aussichtslage und das sichtliche Bemühen des Servicepersonals mehr als versöhnt.
Lokalität: Friedrichs am Kienberg
Herzog-Friedrich-Straße 33
72250 Freudenstadt
Tel. 07441/95119672250 Freudenstadt
E-Mail: info@friedrichs-kienberg.de
Montag, 4. April 2016
Kellner verzweifelt gesucht **
An manchen Tagen gibt es was zu feiern - und sei es nur das Leben! Merkwürdig jedoch, dass an diesem schnöden Montagabend wohl halb Böblingen auf dieselbe Idee kommt: wahre Heerscharen von Ruheständlern, Jahrgangskollegen und Feierabendtrinkern.
Da geraten selbst die ausladenden Dimensionen des Brauhauses und die Kapazitäten des Servicepersonals an ihre Grenzen. Wer hier zu seinem Recht (respektive: Essen) kommen möchte, braucht starke Nerven, endlose Geduld und eine gute Portion Galgenhumor. Noch während wir auf die potentielle Synchronisierung von Getränke und Speisen hoffen, erinnern wir uns wehmütig an die selbstverständlichen Fähigkeiten eines Kölner Köbes. Brauhaus ist halt doch nicht gleich Brauhaus.
Menge: möglicherweise ausreichend - aufgrund mangelnden Geschmacks jedoch ein derartiges Hungergefühl hinterlassend, dass ich noch eine Brezel als Zugabe bestellen muss
Spätzle: die Speisekarte nennt sie "pfannenfrisch"
Käse: ließ sich nicht definieren
Zwiebeln: gebräunte Zwiebeln mit angenehm süsslichem, marmeladigem Aroma
Viskosität: suppig-wässrig
Beilage: ein 0815-Beilagensalat, gnädigerweise ohne das übliche Alibi-Tomaten-Achtel, dafür mit ultrafein geraspeltem Rettich (lecker!)
Zubereitungszeit: 15 Minuten
Abgang: fad bis säuerlich
Preis: 8,90 Euro (inklusive kleinem Beilagensalat)
Bewertung: Umtriebiges Ambiente, unzuverlässiger Service und mittelmäßige Qualität hinterlassen ein schales Gefühl. Allein die Attraktivität der Speisen am Nebentisch lassen uns höhere Ambitionen erahnen.
Lokalität: Brauhaus Böblingen
Lange Strasse 20
71032 Böblingen
Tel.: 07031 / 68 13 23
info@brauhaus-bb.de
Sonntag, 13. März 2016
Spätzle im Quadrat ***
Wer im Hause Ritter-Sport nur cremige Sahnetorten und pappsüsse Warmgetränke erwartet, darf im Waldenbucher Museumscafé staunend durch die Speisekarte blättern. Hier locken gleichermaßen "heiss & knusprig" wie "frisch & knackig". Auch wenn kulinarisch Unerschrockene tatsächlich Schoko-Spätzle RITTER-Art im Angebot finden (Schwäbische Eierspätzle mit Vanille-Sahne und heißen Schokowürfeln).
Da kehren wir doch lieber zum Altbewährten zurück. Ein Rätsel allerdings, wo sich in diesem Eldorado der Schocoholics eine vernünftige Küche befindet, die ein vollwertiges warmes Essen in Nullkommanix herbeizaubert. Ein Schelm, wer Mikrowelle dabei denkt.
Menge: die Portion wird in der Karte als "für den etwas größeren Hunger" geführt
Spätzle: Eierspätzle von Omega Sorg
Käse: vermutlich Emmentaler
Zwiebeln: die Röstzwiebeln (laut Karte) entpuppen sich als Rudimente geschmelzter Zwiebelstückchen
Viskosität: sahnig-schlonzig
Beilage: das quadratische Salatschüsselchen ist leider wenig praktisch: es bedarf ergonomischer Höchstleistung, um die großflächigen Salatblätter, nebst Paprikascheibe, Gurkenstück und Maiskörner hinaus zu katapultieren
Zubereitungszeit: ebenso sensationelle wie zweifelhafte 5 Minuten bei absolut vollem Haus
Abgang: mild und sanft
Preis: 7,90 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Auch wenn sich die Convenience-Spätzle eher im gefälligen Mittelmaß bewegen, möchten wir den architektonisch gelungenen Ort mit reizvollem landschaftlichem Ausblick positiv in die Wertung mit einbeziehen.
Lokalität: Museum Ritter - Museumscafé
Alfred-Ritter-Straße 27
71111 Waldenbuch
Tel.: 07157/538169
Dienstag, 8. März 2016
Die Grillsaison ist eröffnet *
Zuweilen zwingen einen körperliche und geistige Immobilität an den heimischen Esstisch - auch wenn balzende Amseln und knospende Krokusse bereits die nahende Outdoor-Saison ankündigen. Nach Herzhaftem lechzend, greifen wir blindlings in unseren Kühlschrank und fördern staunend ein innovatives Convenience-Gericht zutage, das offiziell wohl noch gar nicht auf dem Markt zu finden ist.
Kässpätzle in einer Aluschale zum Grillen sind eindeutig ein Novum in der internationalen Gastroszene. Ohne Zutaten- und Nährwertliste befinden wir uns somit in einer waghalsigen Doppeltblindstudie. Da Anfang März der Aussengrill noch nicht betriebsbereit ist, wird das Überraschungspackage mutig in den Backofen geschoben.
Menge: die 300-Gramm-Packung wird als "Grillbeilage" angepriesen und sättigt (zusammen mit reichlich Grünzeug) unter Mühen 2 Personen
Spätzle: gedrungene Knöpfle
Käse: hier tappen wir geschmacklich komplett im Dunkeln
Zwiebeln: ein Mangel an denselbigen gleichen wir mit dem ersten Bärlauch des Jahres aus
Viskosität: eher trocken
Beilage: der heimische Koch wertet das frugale Tellergericht mit reichlich Chicoree, Bärlauch, Radieschen und Petersilie farblich und geschmacklich auf
Zubereitungszeit: unglaublich: nach 10 Minuten im Backofen ist die Grillbeilage bereits genießbar
Abgang: des Nachts rumpelt es gefährlich im Bauch
Preis: unbekannt
Bewertung: Nicht alles, was technisch machbar ist, muss die Marktreife erlangen. Ob sich diese Grillbeilage zum sommerlichen Kassenschlager entwickeln wird, mag bezweifelt werden.
Lokalität: Adresse und Kontaktdaten können von der Verfasserin erfragt werden.
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