Montag, 4. November 2013

Zwischen Griebenschmalz und Gaisburger Marsch ****

















Bereits eine Viertelstunde vor Eröffnung der warmen Küche füllen sich die ersten Tische. Und das an einem schnöden Montagabend. Innenarchitektonisch vermengen sich die Braun- und Orangetöne der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit gekonnt gesetzten Akzenten der Moderne. Einige museale analoge Schreibmaschinen, die die Fensterbänke zieren, stehen in reizvollem Kontrast zu den gezückten Smartphones der geschäftsreisenden Hotelgäste. Nur die scheinbare Wärme des Kachelofens bleibt virtuell.

Ein Damenkränzchen kichert sich hüstelnd durch die Tageskarte und wählt dann Kürbiscremesuppe "ohne das ganze Zeug hintenraus" (gemeint sind die Attribute "steirisches Kernöl und geröstete Kürbiskerne"). Eine mutige Wahl angesichts des durchweg bodenständigen Speisenangebots zwischen Schweinskopfsülze, Sauren Kutteln und Gaisburger Marsch.

Menge: eine ovale Auflaufform randvoll gefüllt
Spätzle: schön schlonzig
Käse: Allgäuer Bergkäse
Zwiebeln: mit viel Mehl sehr kross gebratene Zwiebelringe
Viskosität: oben herum auf den Punkt gebräunt und knackig überbacken / unten herum mit etwas zu viel Sahne sehr geschmeidig gemacht
Beilage: dieser Kartoffel-Blattsalat ist wahrlich ein Gedicht: sehr feucht und würzig angemacht, was das hervorragende Aroma der ausgesuchten Kartoffelsorte vorzüglich unterstreicht
Zubereitungszeit: eine halbe Stunde, die mit einem Amuse Gueule von zweierlei Brotsorten mit reichlich Griebenschmalz und mayonnaisigem Kräuterrahm angenehm verkürzt wird
Abgang: die gefühlten 1000 Kalorien des gesamten Arrangements lassen sich erstaunlich gut verdauen
Preis: 8,90 Euro (inklusive Kartoffel-Blattsalat und einem reichhaltigen Gruss aus der Küche)
Bewertung:  Gut besuchte, schwäbische Gastronomie in gemütlich inszeniertem Ambiente. Der Fokus liegt auf traditionsbehafteter Küche. Neben den kross überbackenen Kässpätzle geben auch die adrett gerollten Maultaschen in würziger Bratensauce ein appetitliches Bild ab.

Sympathisch ist die regionale Weinauswahl von den Winzern Currle und Zaiss. Dass für mein Rotweinschorle neuer Wein verwendet wurde, machte ihn überraschend bizzelnd und perlend.

Lokalität: Hotel Sautter
Johannesstraße 28
70176 Stuttgart
Telefon (0711) 61 43-0
Telefax (0711) 61 16 39
info@hotel-sautter.de

Samstag, 19. Oktober 2013

Bechern in der ältesten Stadt Baden-Württembergs ***


















Übrigens: Leser, die diesen Post lieben, werden auch Deutschlands schönsten Weinort schätzen. Und den echt böhmischen Becherovka. Von einem gepflegten Zibärtle mal ganz abgesehen.

Jetzt aber erst mal von vorne: Rottweil präsentiert derart vorzeigenswert seine mittelalterlichen Wurzeln, dass man sichtlich beeindruckt übers Kopfsteinpflaster wandelt. Wenn jedoch verkaufsoffener Sonntag und hartnäckiges Regenwetter zusammenfallen, sind die Plätze im Trockenen beliebt.

Drei Anläufe muss ich nehmen, um im randvollen Goldenen Becher Fuss zu fassen. Mein Kohldampf qualmt wohl derart aus den Nasenlöchern, dass man mich mildtätig am Personaltisch sitzen lässt. Eine gute Gelegenheit, um hinter die Tresen zu lugen und aus erster Hand Küchengeheimnisse zu erfahren.


Menge: eine derart üppige Portion, dass mir die Hälfte eingepackt werden muss
Spätzle: auf mein neugieriges Befragen nach der außergewöhnlichen Grazilität der zierlichen Spätzle, antwortet die Senior-Chefin ungeniert: "So kommet se halt aus der Maschin ...."
Käse: wahnwitzige Mengen von Emmentaler
Zwiebeln: wo sonst traditionell Zwiebelscheiben thronen, breiten sich hier lecker angeschmälzte Semmelbrösel aus
Viskosität: unten herum: ein Spiegel von durch Hitze ausgefälltem flüssigem Fett / mittig: wunderbar zäh / oben herum: knackiger Biß dank Semmelbröseln
Beilage: ein konventioneller Beilagensalat (grüner Blattsalat, Möhre, Rettich) mit einem saftig-würzigen Kartoffelsalat - gerade so, wie er idealerweise sein muss!
Zubereitungszeit: keine Viertelstunde
Abgang: leicht, gut verdaulich - dank Zibärtle-Schnaps
Preis: 8,50 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Sympathisch familiär geführtes Lokal in einem traditionsreichen Gebäude mit malerischer Fassade. Gut bürgerliche, deftige, weitgehend fleischlastige Küche. Einzigartig, aber durchaus nachahmenswert erscheint mir die hier beschriebene Kässpätzle-Variation mit gebräunten Semmelbröseln: knackig, kross, mit buttrigem Unterton.


Lokalität: Goldener Becher
Hochbrückstr. 17
78628 Rottweil
Tel. 0741/ 7685

Montag, 30. September 2013

Bodenseesterne ****

















Wenn Dunst über dem See liegt und an der Uferpromenade die ersten Kastanien zu Boden purzeln, setzt die kontemplative Jahresezeit ein. Die Tagesausflügler werden rarer; und wer jetzt noch Radolfzell besucht, ist ein wahrer Freund und Anhänger des schwäbischen Meeres.

Wie herrlich, sich nun im mediterran-maritimen Ambiente des Seesterns aufzuwärmen. Unter dem Motto "Geniessen - Entspannen - Stöbern - Kaufen" empfängt uns eine verspielte, farbenfrohe Atmosphäre aus bunten Stoffen, klimpernden Mobiles, satt getünchten Wänden und ideenreichem Klimbim. Ein bisschen, als ob kreative Menschen kunterbunte Flohmarktfunde neu aufgemischt und kombiniert hätten - das alles auf mehreren Halb-Etagen, etwas verwinkelt und unkonventionell arrangiert.

Zubereitet wird frisch: verschiedene Spätzle-Variationen, Tapas-Platten unterschiedlicher Grösse, würziger Gemüsekuchen, leckere Kuchen und Desserts. Ganz nach unserem Gusto!

Menge: was in ein formschönes Porzellanschiffchen passt
Spätzle: filigrane, zart ziselierte, von Hand gepresste, hausgemachte Spätzle
Käse: mal Tilsiter, mal Gouda, mal anderer Käse - alles was "da oben" (es wird großzügig in Richtung  Bauernmarktladen gezeigt) gerade angeboten wird
Zwiebeln: waren nicht zu finden, dafür reichlich Schnittlauch
Viskosität: herrlich zähe Fäden spinnend
Beilage: keine - wir bestellen uns allerdings eine mittlere Tapas-Platte dazu
Zubereitungszeit: 15 Minuten
Abgang: tiefe Zufriedenheit hinterlassend
Preis: 8,80 Euro
Bewertung: Neben der x-beliebigen, standardisierten Fertigware der vergangenen Wochen besticht hier überzeugende Individualität und sichtliche Liebe zu den Lebensmitteln. Das aussergewöhnliche Ambiente und der überaus freundliche, herzliche Service haben zudem einen Sonderstern verdient.

Lokalität: Bistro Seestern
Bahnhofstraße 9
78315 Radolfzell
Telefon 07732 / 820 36 87

Samstag, 28. September 2013

Schwein gehabt ***

















Der Kreis der Freunde und Förderer der Hochschule der Medien lädt zur jährlichen Mitgliederversammlung ein. Just in den (ehemaligen) Stuttgarter Schlachthof -  was für einen Vegetarier einer saumäßigen Herausforderung gleicht! Ist dennoch irgendwie eine sauglatte Idee, oder?

Beeindruckt an den über 40.000 Exponaten des Schweinemuseums vorbeiflanierend, staunen wir über die Vielfalt der (teilweise leicht ferkeligen) Ausstellungsstücke: Glücks-, Spar- und Kuschelschweine aus Gold, Plüsch, Holz, Keramik oder Kork - bemalt, lackiert, beklebt, gegossen, getöpfert oder gehämmert. Selbst ich als bekennender Fleischverächter fühle mich hier sauwohl. Keineswegs bedeutet dieses einzigartige Museum, Perlen vor die Säue zu werfen!! 

Menge: gegenüber den voluminösen Fleischgerichten eher überschaubar, dennoch vollkommen ausreichend
Spätzle: augenscheinlich aus Eigenproduktion, recht locker und luftig
Käse: würziger Allgäuer Bergkäse
Zwiebeln: sehr fein gewürfelte und sacht gedämpfte Zwiebelstückchen
Viskosität: die fluffig-leichten Spätzle und der fein geriebene, geschmolzene Bergkäse gehen eine gelungene Verbindung ein
Beilage: ein ordentlicher Beilagensalat aus Blattsalaten, Gurke, Möhre, Tomate - und einem sämigen Kartoffelsalat, der allerdings etwas mehr Würze vertragen hätte
Zubereitungszeit: unbekannt, da wir zwischen Bestellung und Auslieferung unsere einstündige Mitgliederversammlung gezwängt haben
Abgang: problemlos
Preis: 9,90 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Imposante Gesamtgeschäftsidee aus Schauen, Staunen, Speisen. Besonders für größere Besuchergruppen und Familienfeiern scheinen die ausladenden Hallen des einstigen Jugendstilgebäudes wie geschaffen. Neben Spanferkel und Schweinebäckchen  bewegen sich die (nicht ganz günstigen) Käsespätzle durchaus im beachtenswerten Mittelfeld.

Lokalität:   Stuttgarter Schlachthof
Schlachthofstraße 2
70188 Stuttgart
Telefon: 0711/ 66419500
Telefax: 0711/ 66419550
E-Mail: willkommen@schlachthof-stuttgart.de



Samstag, 21. September 2013

Urbis et Orbis **

















Um die Entstehungsgeschichte des Ortsnamens Bubenorbis ranken sich die absonderlichsten Legenden. Dass einst ein Bub dem anderen im Streit ins "Ohr biss", dürfte allerdings in den Bereich der wundersamen Märchen gehören. Viel eher gefällt mir da die Erklärung, ein gewisser Bubo hätte durch Rodung der Wälder das umliegende Land urbar gemacht.

Wenn sich im Herbst eine gleißende Septembersonne über die hügelige Landschaft ergießt, zeigt sich Bubenorbis von seiner schönsten Seite: sanft, grün und fruchtbar. Die Wälder sind voller Pilze, überreifer Brombeeren und herumwuselndem Getier.

Beeindruckt von so viel wohlgefälliger Landschaft, spazieren wir des Abends in das einzige Lokal am Ort, das uns selbstredend von unserer Landlady empfohlen wurde. Neben Wildgerichten, Braten und Innereien bleiben dem Vegetarier lediglich Käsespätzle zur Auswahl. Na, das trifft sich ja gut!


Menge: übersichtlich
Spätzle: formschöne Einheitsware
Käse: Edamer
Zwiebeln: einige angeschmelzte Zwiebelstreifen
Viskosität: sahnig bis suppig - diese Mahlzeit könnte glatt als Eintopf durchgehen
Beilage: sehr ordentlich angemachte grüne Blattsalate, fein geschnittene Möhren, Paprika und Radieschen
Zubereitungszeit: 20 Minuten
Abgang: unspektakulär und keinen weitreichenden Eindruck hinterlassend
Preis: 8,80 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Während wir vor genau 3 Jahren von den kulinarischen Köstlichkeiten der Gegend recht beeindruckt waren, bleibt heute ein eher schales Gefühl zurück. Im Landgasthof Sonne dürften sich alle Carnivoren gut versorgt fühlen - Käsespätzle gehören allerdings nicht zu den Stärken dieses Lokals.

Durchaus empfehlenswert: die selbstgemachten üppigen Semmelknödel, sowie der rezente Rostbraten.

Lokalität: Landgasthof Sonne
Familie Richard und Ingrid Braun
Haller Straße 3
74535 Mainhardt-Bubenorbis
Telefon: +49 (0) 7903 - 2392
Fax: +49 (0) 7903 - 7783
E-Mail: Landgasthof-Sonne@gmx.de

Die Qual der Wahl ***

 


Deutschland wählt! Einen Tag vor der Bundestagswahl setzen wir uns in den Schwäbischen Wald zum Pilzesammeln ab. Angesichts der zu erwartenden Ernte gibt Spezialist Mike eine erste Prognose ab:

80% Semmelstoppelpilze
0,3 % Reizker
0,6 % Parasol
0,8 % Wiesenchampignons
18,3 % Sonstige

Doch vorneweg ist erst mal Stärkung angesagt. Im Herzen der kopfsteingepflasterten Altstadt von Schwäbisch Hall lockt die neue Brasserie Salzsieder mit einer sonnigen Terrasse und einem sympathischen Speisenangebot (Frühstücksvariationen, Flammkuchen, Regionales und Saisonales).

Menge: eine recht dürftige Portion
Spätzle: "Wir stellen unsere leckeren Eier-Spätzle täglich selbst her" verspricht die Karte - auch wenn leichte Zweifel daran aufkommen
Käse: Emmentaler - der Klassiker
Zwiebeln: leider Fehlanzeige
Viskosität: eher trocken bis grisselig
Beilage: statt des erwarteten Beilagensalats mussten wir mit einer überschaubaren Dekoration aus Blattsalaten und gestiftelten Möhren Vorlieb nehmen
Zubereitungszeit: eine knappe Viertelstunde
Abgang: weiterhin Hunger hinterlassend
Preis: 6,90 Euro (als Tagesessen)
Bewertung: Trotz des günstigen Preises hätten wir etwas mehr Substanz erwartet! Wer weitere 2 Euro investiert, kann eine Anreicherung mit wahlweise Champignons oder Speck bestellen. Hübsch anzusehen und recht schmackhaft: die mit Kürbiskernöl verfeinerte Suppe meiner Begleiterin.

Schulgasse 4 (am Milchmarkt)
74523 Schwäbisch Hall
Telefon: (0791) 9 46 3 777
E-Mail: info@brasserie-salzsieder.de

Sonntag, 8. September 2013

Auf Deutschlands größtem Marktplatz ***

















Der heutige Tag des offenen Denkmals führt uns nach Freudenstadt, auf dessen 4,7 ha großen Marktplatz man gehörig im Carree springen kann. Unsere Besichtigungstouren oszillieren zwischen einem original-historischen Jugenstilhotel aus dem Jahre 1895 und einem gefakt-traditionellen Bierstadel der Neuzeit.

In letzterem baumeln rustikale Holzschlitten neben gefühlten Discokugeln von der Decke und es würde einen nicht verwundern, wenn man auf dem Weg zur Toilette Anton aus Tirol begegne. Die durchweg knackigen Servicemädels tragen hauseigene Tracht zu marathongeeigneten Laufschuhen und scheinen geradewegs vom Step-Aerobic zu kommen. Auch den Gästen seien eiserne Durchhaltekraft und gestählte Ellenbogen anempfohlen, angesichts des schon am späten Nachmittag proppevollen Lokals und der üppig beladenen gußeisernen Pfannen.

Menge: turmhohe Riesenportion
Spätzle: umami-betonte Teigwaren, die beim Erkalten in einen teiglastigen Aggregatzustand übergehen
Käse: schlichter Edamer
Zwiebeln: saftig angeschmelzte und würzig abgelöschte frische Zwiebelscheiben (lecker!!)
Viskosität: oben herum leicht gratiniert, unten herum weicher werdend
Beilage: grüne Blattsalate in Sahnedressing, nebst dem obligatorischen Tomatenachtel
Zubereitungszeit: etwas über eine Viertelstunde
Abgang: ein massives Völlegefühl ist nicht zu leugnen
Preis: 8,80 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Okay, okay, statt Anton war immerhin schon Xavier vor Ort!! Und Geri, der Ex-Klostertaler. Bei dieser Promidichte sei vor versteckter Kamera gewarnt.

Mit der durchweg bodenständigen Hausmannskost und dem betont rustikalen Ambiente lassen sich entfernte Familienangehörige, durchreisende Bekannte und ausländische Geschäftspartner mächtig beeinrucken. Wer Halli-Galli liebt, fühlt sich hier zuhause.

Lokalität: TURM-BRÄU
Freudenstädter Brauhaus am Markt
Marktplatz 64
72250 Freudenstadt
Telefon:  074 41 / 90 51 21
Telefax:  074 41 / 90 51 22
E-Mail: info@turmbraeu.de