Samstag, 8. Juni 2019

Metzge meets Schickeria **

 
















Was früher eine Metzge war, ist heute eine Bistro-Bar. Mitten im fränkisch-fleischlastigen Bad Windsheim hat die alt eingessene Metzger-Familie Hahn ziemlich viel Geld in die Hand genommen und ihren Betrieb einmal auf links gedreht. Nun rennen ihnen Einheimische wie Touristen begeistert die Bude ein. Und: vegetarische Schmankerln sind nicht nur Verlegenheitslösungen, sondern fester Bestandteil des aktuellen Angebots.

Menge: das komplette Gericht wird übersichtlich und handlich auf einer länglichen Platte drapiert
Spätzle: eher Knöpfle, wie wir es aus Bayern oder Vorarlberg kennen
Käse: trotz überraschend würzigem Aroma handelt es sich um einen schlichten Emmentaler
Zwiebeln: crispy Convenience-Röstzwiebel-Topping
Viskosität: trocken bis bröselig
Beilage: der Beilagensalat entpuppt sich eher als kleine Salatbeilage, dafür frisch und knackig, mit leichtem Dressing
Zubereitungszeit: die fertigen Kässpätzle warten schon im Front-Cooking-Bereich auf uns
Abgang: leicht stopfend
Preis: 8,50 Euro (inklusive Salatbeilage)
Bewertung: Selten werden Fastfood und Schnellrestaurant so trendy, chic und scheinbar urwüchsig  zelebriert. Leider sind die Spätzle kalt, bis sie den Weg auf meinen Terrassenplatz gefunden haben.

Lokalität: Leo Bistro & Metzgeria
Kegetstraße 6
Bad Windsheim
Tel. 0172/6661931

Montag, 3. Juni 2019

The local Gouda Geheimnis ***

















Mit The Local hat sich das Sindelfinger Marriott Hotel ein sinniges Wortspiel ausgedacht - changierend zwischen netter Stammkneipe und regionalen Genüssen. Denn wer sich zum Speisen nicht ins habhafte hoteleigene Steakhouse begeben möchte, kann sich fortan sehr leger im luftigen Ambiente dieses Erlebnisraumes niederlassen.

Neben Burger, Chicken Wings und Spare Ribs darf man hier ruhig auch mal schwäbisches Soulfood erwarten. Meine Leibspeise findet sich zwar nicht auf der Karte, wird auf meine Anfrage hin jedoch mutig aus den "Small local bites" ("Meatballs meets Swabian cheese noodles") extrahiert. Der Flexibilität des Kochs sei gedankt!


Menge: ausreichend
Spätzle: Convenience
Käse: offenbar Gouda (was eigentlich ein Geheimnis ist, wie uns die jugendliche Servicedame insgeheim eröffnet)
Zwiebeln: knurpselige Fertigröstzwiebeln, wie sie Hotdogs gut zu Gesicht stehen würden
Viskosität: sahnig-suppig
Beilage: kleiner Beilagensalat, in ebenso kleiner Suppentasse serviert: einige Blätter grüner Salat, zwei Cherrytomatenhälften, zwei Stückchen Zwiebel - schmackhaft angerichtet mit einer würzigen Senf-Vinaigrette
Zubereitungszeit: eine knappe Viertelstunde
Abgang: füllig
Preis: 15,00 Euro (inklusive kleinem Beilagensalat)
Bewertung: Bei aller Wertschätzung dieser exklusiven Sonderanfertigung, bewegt sich das Resultat doch eher im gefälligen Mittelbereich (bei nicht ganz angemessenem Preis). Angenehm versöhnt werden wir dagegen durch das runderneuerte Marriott-Ambiente im skandinavischen Stil.

Lokalität: The Local
Mahdentalstr. 68
71065 Sindelfingen
Tel. +49 7031 6960

Samstag, 11. Mai 2019

Von der Tauber an den Nesenbach ***

















Tauberquelle? Liegt Stuttgart nicht eher an Neckar und Nesenbach? Und die Quelle der Tauber gut 100 Kilometer entfernt? Naja, seien wir nicht traditioneller als Thaddäus Troll und lassen wir beim Lokalnamen ruhig mal alle Erdkundekenntnisse ruhen.

Das traditionsreiche Stuttgarter Restaurant kann zumindest als verlässlicher Quell urschwäbischer Küche gelten. Und das in einem gemütlichen Ambiente ohne anbiederndem Lokalkolorit. Zwar herrscht bei kühlem Wetter drängende Enge im Gastraum, doch dabei kommt man gerne seinem Nebensitzer näher. Der lässt uns sogar von seinem Serviettenknödel kosten.

Menge: hier stehen Hauptgericht und Beilage endlich mal in ansprechender Korrelation
Spätzle: schmecken hausgemacht
Käse: sollte diese herrlich fädenziehende, satt vollmundige und nicht zu sparsam verwendete Zutat tatsächlich nur schnöder Emmentaler gewesen sein? Kaum zu glauben!
Zwiebeln: das gab´s noch nie: die butterweich geschmälzten Zwiebeln liegen stückig im Spätzle-Käse-Konglomerat eingebettet - wie Gemüse in einem Omelett
Viskosität: elastisch
Beilage: ein sehr anständiger, reichhaltiger Beilagensalat mit würziger Vinaigrette, aber leider viel zu schlonzigem Kartoffelsalat
Zubereitungszeit: verdächtig kurze 5 Minuten, die die forsche Bedienung mit dem aufmunternden Kommentar begleitet: "Aber Sie hen doch Honger!"
Abgang: überraschend leicht
Preis: 11,90 Euro (inklusvie Beilagensalat)
Bewertung: Herzhafte Konsistenz, schmackhafte Zutaten und ein wohliges Gaumengefühl hätten Bestnoten verdient - wenn uns nicht die ultrakurze Zubereitungszeit etwas unangenehm aufstoßen würde.

Lokalität: Tauberquelle
Torstr. 19
70173 Stuttgart
Tel.: +49 (0) 711 5532933
E-Mail: info@tauberquelle-stuttgart.de

Montag, 15. April 2019

Auf der Suche nach Mo ***


















Heutzutage wird man nicht mehr häufig in ein Esszimmer eingeladen. Und wer ist Mo? The Mothers of Invention? Ein ländlicher Ableger von Mos Eisley? Oder schlichtweg der coole Nickname des Besitzers?

Die Suche nach Mo treibt uns an einem Montagmittag ins kulinarisch eher vernachlässigte Schönaich. Das Esszimmer enpuppt sich als verwunderliches Crossover zwischen einem rustikalen amerikanischen Diner und der flitternden Glitzerwelt einer türkischen Hochzeit. Da wir die einzigen Gäste sind, kann sich ein sehr bemühter, fast serviler jugendlicher Kellner (Mo´s Grossneffe?) ganz und gar unserem Wohle widmen.

Menge: eine üppige Portion
Spätzle:  vollschlank und vollmundig
Käse: Gouda
Zwiebeln: fein angeschmelzte Zwiebelstreifen
Viskosität: extrem sahnig
Beilage: eine sparsame Deko von relativ geschmacksneutralen Bauteilen eines Beilagensalats - mit einem Klacks roséfarbener Cocktailsauce
Zubereitungszeit: relativ rasche 12 Minuten
Abgang: die gehaltvolle Sahnebombe stopft enorm
Preis: 8,80 Euro inklusive Salatdekoration plus 0,2 Liter eines Softgetränks (als Mittagstisch-Angebot)
Bewertung: Nach diesem Besuch sind Augen und Magen dermassen gestättigt, dass wir unverzüglich aufs heimische Canapée niedersinken.

Lokalität: Mo´s Esszimmer
Bahnhofstr. 8
71101 Schönaich
Tel. 07031 9227321
E-Mail: info@mos-esszimmer.de

Sonntag, 7. April 2019

Angewandte Lebensfreude ***

















Hier röhrt noch Rory Gallagher und ächzt AC/DC. Zumindest revivalmässig. Fernab jeder grösseren Metropole und weit draussen auf der Alb hat sich eine Alternativ-Kultur erhalten, deren Ambitionen alle Zeitläufte überstehen. Hier fühlt man sich glatt noch in seine Jugend und die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück gebeamt.

Der "Verein für angewandte Lebensfreude" betreibt unter wechselnder Ägide im sonst eher verschlafenen Meidelstetten das Gasthaus Adler, dem durchaus noch die ursprüngliche Dorfwirtschaft anzusehen ist. Mit entwaffnender Natürlichkeit kommen hier saisonale und regionale Produkte zum Einsatz, ohne dass man einen grossen Bohei daraus machen würde.

Menge: selbst die kleine Portion ist noch gehörig
Spätzle: "Natürlich hausgemacht", wie man uns mit Inbrunst versichert
Käse: offenbar ein spezieller Spätzles-Käs-Mix (der Gastro-Grosshandel grüsst)
Zwiebeln: reichlich krosse Röstzwiebeln
Viskosität: elastisch
Beilage: unter der unspektakulären Oberfläche offenbart der Beilagensalat wahre Schätze: ultrafein geraspelte Möhren-, Rettich- und Zucchinistreifen, zarte Gurkenscheibchen, knätischiger Kartoffelsalat, junger Blattsalat - mit einem leichten Dressing wie einst bei Muttern Käthe
Zubereitungszeit: geschätzte 20 Minuten
Abgang:  das späte Mittagessen sättigt bis tief in die Nacht hinein
Preis: 9,40 Euro für die kleine Portion (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Ehrliche Küche mit leicht weltläufigen Anklängen - und wenn es nur der Chilifaden als Deko über den schwäbischen Spätzle ist. "Schmeck den Süden" ist natürlich auch im Spiel.

Lokalität: Gasthaus Adler
Kirchgässle 3
72531  Hohenstein-Meidelstetten
Tel: 0 73 87 / 98 88 94
E-Mail: info@adler-meidelstetten.de

Samstag, 6. April 2019

La vie en rose *****

 

















Selten offenbare ich meine Mission und lüfte den Inkognito-Schleier. Doch zwischen der Ankündigung meines Kommens und der tatendurstigen Ausführung liegen so viele Jahre, dass die Kässpätzle schon aus der Speisekarte verschwunden sind.

Das muss kein Hinderungsgrund sein. In der Küche mobilisiert man alle Kräfte und besonders das Knowhow eines Frankfurter Experten. Und das vollkommen unaufgeregt und ohne Diskussion. Bis zur Vollendung kühlen wir unseren Geist mit einem lauten Viva con Aqua, gefolgt von einem sensationellen Big Ben. Denn ein besonderes Fest will gefeiert werden: den 300. Beitrag dieses Blogs!

Menge: wie immer, wenn alle Sinne auf Hochtouren laufen, muss ich kapitulieren und schaffe nicht die ganze Portion
Spätzle: flachbrüstig, fast wie breite Nudeln anmutend
Käse: ein erstaunlich geschmacksintensiver Emmentaler
Zwiebeln: Röstzwiebeln können ad hoc nicht herbeigezaubert werden - doch von den alternativ angebotenen Schmelzzwiebeln mit unterschwelligem Kräuteraroma (ich tippe auf Thymian) gebe ich mir die volle Ladung
Viskosität: geschmeidig
Beilage: der Salatteller vereint ein ganzes Bouquet vegetabiler Genüsse, die die Küche aktuell zu bieten hat: vor allem knackige Blattsalate und Sprossen, erdig aromatische Möhren- und Selleriestreifen, Ablinsen und getrocknete Tomaten, Kartoffelsalat und zwei Grissini als Topping
Zubereitungszeit: die Uhrzeit ganz aus dem Blick verlierend, erfreue ich mich an einem farbintensiven Amuse Buche von Wurzelgemüsen
Abgang: von einem Palmischbirnenbrand gekrönt
Preis: der bleibt allseits ein Geheimnis
Bewertung: Was länge währt, wird endlich gut. Flankiert von weiteren kulinarischen Genüssen und önologischen Offenbarungen gerät der Rose-Abend zum unvergesslichen Erlebnis. Daher einen Gruss zurück an die Küche und besten Dank für die aussergewöhnliche Umsetzung meiens Wunschgerichts.

Lokalität: Bio-Restaurant Rose
Aichelauer Strasse 6
72534 Hayingen-Ehestetten
Tel.: 07383/94980
E-Mail: info@biorestaurant-rose.de

Dienstag, 12. März 2019

Würfel mit Ausblick ***


 





























Urbaner, zentraler, transparenter könnte sich ein internatinales Top-Restaurant kaum gebärden. Wer tatsächlich einen Tisch in vorderster Reihe ergattert, glaubt freischwebend über dem Stuttgarter Schlossplatz zu dinieren - Schwindelfreiheit vorausgesetzt.

Im vierten Stock des gläsernen Kubus treffen sich zur Mittagszeit Business People, japanische Touristen, bildungsbürgerliche Familien und Freundinnengrüppchen nach dem Stadtbummel. Die Kunst kann später kommen. Im Gegensatz zur hochpreisigen Abendkarte ist das Mittagsangebot durchaus finanzierbar.

Menge: eine etwas magersüchtige Mini-Portion
Spätzle: augenscheinlich durch die Spätzlespresse gedrückt
Käse: gefälliger Edamer
Zwiebeln: blond angeschmelzte Würfelchen mit einem Kresse-Topping
Viskosität: von cremiger Geschmeidigkeit
Beilage: keine - der extra hinzu bestellte Beilagensalat ist tendenziell fade, geschmacklos und nur nach ausgiebiger Benutzung von Salz- und Pfefferstreuer zu geniessen
Zubereitungszeit: just in time
Abgang: kaum spürbar
Preis: 9,90 Euro (plus 4,90 Euro für einen Beilagensalat)
Bewertung: Der sensationelle Ausblick und der adrette Service können kaum über die Dürftigkeit der Portion und den Mangel an Geschmack hinwegtrösten. Doch wir wissen den Genius Loci zu schätzen und drücken sämtliche Augen zu (auch angesichts der blendenden Mittagssonne).

Lokalität: CUBE Restaurant
Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schloßplatz 1
70173 Stuttgart
Tel.: 0711 / 280 44 41
E-Mail: info@cube-restaurant.de