Freitag, 24. Januar 2020

Schwäbisch für Jedermann ****

















Derzeit verlegt das Theater der Altstadt seinen "Jedermann" sehr publikumswirksam in die Stuttgarter Johanneskirche. Selbst ein Probenbesuch des dramatischen Mysterienspiels erfordert herzhafte Grundlagen. Die verschaffe ich mir gleich ums Eck in einem schwäbischen Wirtshaus mit bodenständigem Ambiente.

Hier verbirgt sich in jedem Eck ein Stückchen Historie: vom strengen Porträt des Brauereigründers Sanwald über das sogenannte "Porschezimmer" bis zu den moosgrünen Toilettenfliesen. Wer kann, schwätzt Schwäbisch und bestellt ein Viertele, ein Schnäpsle oder Kässpätzle. Fortgeschrittene sogar ein Brustripple oder geschmorte Schweinsbäckle. Ich fühle mich ganz daheim.

Menge: mächtig
Spätzle: handgeschabt, wie mit Stolz verkündet wird
Käse: Emmentaler, pur und herzhaft
Zwiebeln: etwas zu fettreich angeschmälzte Zwiebelscheiben
Viskosität: ein angenehm griffiges Konglomerat von Teigwaren und Käse, Sahne und Röstaromen
Beilage: leider leidet der üppige Beilagensalat unter geschmacklosen Zutaten und einer zu essiglastigen Vinaigrette
Zubereitungszeit:  rekordverdächtige geschätzte 10 Minuten
Abgang:  es rumpelt und pumpelt (der Genuss eines Digestifs wäre hilfreich!)
Preis: 12,80 (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Frische Küche, riesige Portionen, (etwas zu) bemühter Service und ein traditionsreiches Ambiente machen den Wirtshausbesuch zum Erlebnis.

Lokalität: Brauerei Wirtshaus Sanwald
Silberburgstr. 157
70178 Stuttgart
 
Tel.: 0711/61 08 63

Donnerstag, 5. Dezember 2019

Spätzle im Showroom **

















Heutzutage gleichen Bäckereien beeindruckenden Showrooms der Kulinarika und glitzernden Tempeln des gepflegten Chillens. Schnöde alltägliche Waren wie Roggenbrote oder Käsekuchen spielen hier eher eine untergeordnete Rolle.

Unter dem Slogan "Regional. Raffiniert. Rustikal" erobert die Familienbäckerei Raisch nun rasant die schwäbische Tiefebene des Heckengäus. Gut zwei Dutzend Dependancen sind in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen. Eine so schick und propper wie die andere. Hier treffen sich Latte-Macchiato-Mütter, hungrige Rentner und unterzuckerte Aussendienstler zum üppigen Frühstücksbüffet, Mittagstisch, Kaffeegedeck. 

Menge: mehr, als der erste Blick verspricht und die Spätzialistin vertilgen kann
Spätzle: eindeutig Fertigware
Käse: vom angekündigten Allgäuer Bergkäse höchstens Spurenelemente
Zwiebeln: die ebenfalls angekündigten Röstzwiebeln sind eindeutig geschmälzt - auf Wunsch erhalte ich eine doppelte Portion (und mein Nachfolger muss leer ausgehen)
Viskosität: griffig und eher trocken
Beilage: grosszügig darf man sich am adretten, blitzeblanken Salatbüffet selbst bedienen
Zubereitungszeit: schwuppdiwupp mit riesiger Kelle auf den Teller geschöpft
Abgang: sättigt bis zum frühen Abend
Preis: 7,90 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Günstiges, üppiges Tagesessen ohne Chichi und überzogenen lukullischen Anspruch.

Lokalität: Bäckerei und Konditorie Raisch
Hauptstraße 11
71034 Böblingen-Dagersheim
Tel.: 07031/ 4270766
E-Mail: info@baeckerei-raisch.de

Freitag, 29. November 2019

Gaumenkitzel im Zimmerschlag **

















Mit der Übernahme der Gaumenfreude haben Viviane Jungmann und Ilker Kirioglu kein leichtes Erbe angetreten. Über ihnen dräut der bräsige Schäferhundeverein, ein rustikal-gediegenes Interieur und schwäbische Bürgerlichkeit. Um so beachtlicher daher das bemühte Engagement, dem abgelegenen Vereinsheim neues Leben einzuhauchen.

Eines ist auf jeden Fall garantiert: zwischen Black Friday und Cyber Monday passt immer noch ein günstiger Mittagstisch zu gastronomischen Tiefpreisen. Auch das aufgeregte Schwanzwedeln von Hector, der genauso unsere Nähe sucht wie einst Jackson, der Mops.

Menge: Habe ich versehentlich eine Seniorenportion bestellt?
Spätzle: füllig, mit angenehmem Gaumengefühl
Käse: ein gelungener Mix aus Emmentaler, Gouda, Bergkäse
Zwiebeln: was auf den ersten Blick wie Blaukraut anmutet, sind mit Speisefarben getönte Zwiebelstreifen (ein Sonderpunkt für diese aussergewöhnliche Bemühung!)
Viskosität: vollmundig
Beilage: ein übersichtlicher Beilagensalat dümpelt in wässrigem Dressing
Zubereitungszeit: kaum mehr als 10 Minuten
Abgang: leicht hungrig
Preis: 7,90 Euro (inklusive Salat oder Suppe) als Tagesessen
Bewertung: Geschmacklich feine, mittagstisch-günstige, doch mengenmäßig sehr dürftige Spätzleportion in rustikaler Vereinsheim-Atmosphäre.

Lokalität: Restaurant Gaumenfreude
Im Zimmerschlag 8
71032 Böblingen
Tel.: 07031 / 9255027
E-Mail: mail@restaurant-gaumenfreude.de

Donnerstag, 28. November 2019

Pasta aller Länder vereinigt euch **

 


 Klar. Ganz klar. So etwas endet nie gut. So war es ja schon immer in diesem Lokal - irgendwann übersiehst du es ganz einfach: sei es Deinen Tischbarn, sei es den Überblick eigener getrunkener Biere oder schlichtweg den Tresen. Oder gar am Ende die Bedienung Dich.
War dies in den Achtzigern noch Zigarrettendunst, einem dicht gedrängt stehendem Publikum oder der andauernd plappernden Berliner Schnauze geschuldet, ist es nun die überbordende Anzahl von Wandtellern, Kiezromantik (oder was Lieschen Müller dafür hält) und „very typical German“- Kitsch (im Allgemeinen) sowie ein Lichterkettenmeer, Weihnachtsnippes (im Besonderen). Heutzutage werden bevorzugt „Berliner Leber“ oder „Wiener Schnitzel“ vom juppiisierten Publikum geordert, um dann beim Servieren mit einem „Oh! Ooh, oh my god“ bestöhnt zu werden. Wir bleiben standhaft, im Dienste dieses Blogs.

Menge: eine derart überschaubare und Appetit anregende Portion hat es verdient, im direkten Nachgang noch mit einer Bulette&Brot nachgeordert zu werden
Spätzle: Die Berliner Gentrifzierung hat am Savignyplatz endlich auch Einzug in die Küche gehalten. Oder wie ist es zu erklären, dass eine Melange gefühlt sämtlicher Nudelsorten der Hauptstadt unter die Spätzle kommen? Kein Witz: u.a. grüne Bandnudeln (!) pimpen meinen Spätzleteller auf. Pasta aller Länder - vereinigt Euch (60% Spätzle-Anteil, 40% andere Nudelproben) - alles Convenience-Ware, versteht sich wie von selbst
Käse:  müde und kaum Fäden ziehender, langweiliger Gouda mit merkwürdig süßlichen Aromen (Wollstrümpfe am Kachelofen), schmeckt stumpft
Zwiebeln: als grüne Lauchzwiebelringe unter der Pastapampe erkennbar. Der Klassiker, ein Zwiebeltopping, war auch nach eingängiger Recherche nicht erkennbar. Wahrscheinlich zum Salatdressing übergelaufen.
Viskosität: jetzt erst verstehe ich endlich die sprachliche Nähe zu Viskose! Samtig, fast schon schmierig kommt die Masse daher. Wäre diese Mahlzeit ein Pullover, man würd sie lieber streicheln statt essen.
Beilage: die Süßaromen des tausenden Inseln-Fertighausdressings plempertn geschmacklich alles zu. Wobei „alles“ nicht mehr bedeutet als „drei Achtelschnitz Tomate, fünf Blättchen Salat, zwei Strünke Ackersalat und den artigen Porzellanteller.
Zubereitungszeit: Und da sage noch einer etwas über die Geschwindigkeit der Berliner bei der Maloche! Verdächtig stramme fünf Minuten (einmal Toilettengang inklusive Händewaschen - schon steht bei der Rückkehr ein dampfender Teller am Tisch)
Abgang: so wie ich herkam - durch die Türe. Ansonsten aufgrund mangelnder Mengenlehre nicht wirklich bewertbar. Ein gutes Ducksteiner sorgt für schnelle Spülung.
Preis: Euro 11, 80 (plus Euro 3,50 für die Solo-Boulette)
Bewertung: Längst eine alte Erkenntnis. Lokalbesuche, der eigenen blumigen Erinnerung geschuldet, bringen es echt nicht.  Solche, sagen wir mal, gastronomischen Ausflüge wären ja noch lachhaft bis reizvoll, wenn alte Gefährten des letzten Jahrtausends wie Landgraf, Raimund oder Nalbach Uli anwesend wären. Aber jetzt: nur noch traurig (weil die Gefährten von einst in Dir nicht mal über den müd gewordenen faden Käsespätzletellerrand blicken).

Nächste Erkenntnis: überlasse das, was gentrifizierte Globalreisende für den Kiez halten, der Lächerlichkeit eines 70iger Jahre Slades Songs, der Dir hier im vorweihnachtlichen Ohr erklingt: (...So here it is, Merry Xmas, everybody’s having fun....) Look to the future now, It's only just begun!

Letzte Erkenntnis. Behalte Dir deine besonderen und besonders lieb gewonnenen Orte Deines kleinen Lebens einfach in guter Erinnerung. Kehre nie wieder an den Ort Deiner Kneipenglückseligkeit zurück. Du wirst ja nur reichlich enttäuscht sein. Oder gar im Empfinden von nicht vorhandenen Genüssen gar aufs Tiefste gekränkt.

Verlasse das Feld Deiner Erinnerungen und genieße. Woanders. Bitte!

Lokalität: Dicke Wirtin (am Savigny-Platz)
Carmer Straße 9
10623 Berlin
Telefon: 030/312 49 52
E-Mail: post@dicke-wirtin.de

Dienstag, 19. November 2019

An Stuttgarts vergessenen Gewässern ***

















Stuttgart hat es schon immer verstanden, seine Gewässer verschämt zu unterschlagen.  Der Neckar liegt zu weit von der urbanen Wahrnehmung entfernt - und sein Nebenfluss Nesenbach tröpfelt brav untertunnelt und unsichtbar durch die Innereien der City.

Immerhin setzt ihm das neue Restaurant nesenbach oberirdisch ein Denkmal. Orthographisch ganz hip klein geschrieben, doch architektonisch nicht zur Untertreibung neigend - in bester 1a-Lage, gerade vis-a-vis des Karlsplatzes und der legendären Markthallte. Nur Mut, schließlich hat sich auch die geographisch weit entfernte Tauberquelle längst schon zu einer festen Stuttgarter Institution etabliert.


Menge: beträchtlich (nur meine gute Kinderstube verhindert, den verbliebenen Rest einpacken zu lassen)
Spätzle: gefällige Fertigware aus dem Gastro-Großhandel, die in der hiesigen Küche nur noch warm gemacht wird
Käse: Emmentaler mit einem Schuss rezenten Bergkäse
Zwiebeln: von den sanft geschmelzten, feinen Zwiebelstückchen hätten es gerne mehr sein können
Viskosität: die angenehm cremige Textur lässt die Spätzle nur so flutschen
Beilage: einige Blättchen vom Pflücksalat, von einer halben Cocktailtomate gekrönt
Zubereitungszeit: gefühlte kurze 10 Minuten
Abgang: erzeugt einen wohligen Sättigungsgrad
Preis: 11,80 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Ansprechend komponierte Kässpätzle für forschende Hydrologen mit mächtigem Appetit.

Lokalität: nesenbach
Dorotheenstraße 6
70173 Stuttgart
Tel.: 0711/1889034

Sonntag, 13. Oktober 2019

Freier Abgang dank Freistatthülse ****

















Vom feindlichen "badischen Kniebis" kommend, wagen wir die Einkehr in das historische Waldgerichtsgebäude in Dornstetten. Hier wurde schon Vierzehnhundertdunnemal über unerlaubte Holznutzung, frevlerisches Fallenstellen oder die Versetzung von Grenzsteinen Gericht gehalten.

Verurteillte durften jedoch binnen 48 Stunden fliehen, wenn es ihnen gelang, eine Hand in die "Freistatthülse" zu legen. Heutzutage undenkbar - hat man bei diesen Portionen doch beide Hände fest am Besteck zu halten. So gelingt uns nur der Abgang in ein Dormitorium ins benachbarte Freudenstadt.

Menge: schier nicht zu bewältigen
Spätzle: hausgemacht
Käse: herzhafter Bergkäse
Zwiebeln: reichlich gedämpfte Gemüsezwiebelstreifen
Viskosität: dank Einsatz eines Salamanders ganz im Stile eines Omelettes: von oben kross überbacken, von unten sahnig unterlegt
Beilage: ein gefälliger Beilagensalat
Zubereitungszeit: der Salat wird nach 10 Minuten, die Spätzlepfanne nach 20 Minuten serviert
Abgang: ein feiner Himbeergeist (2,50 Euro) hilft bei der Verdauung
Preis: 12,50 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung:  Über das ehrwürdige Ambiente, die riesigen, herzhaften Portionen und den feschen Service wäre schon der Amtsvogt entzückt gewesen! Wir haben zwar freies Geleit, kommen jedoch allzu gerne wieder. 

Lokalität: Hotel-Restaurant Waldgericht
Familie Hebestreit
Grüntalerstrasse 4
72280 Dornstetten-Aach
Tel.: +49 7443/9627-0
E-Mail: info@waldgericht.de

Sonntag, 6. Oktober 2019

Spätzle auf Schienen ***

















Die Lobpreisung gleich vorneweg: dies sind die schnellsten und nobelsten Kässpätzle zwischen Alto Adige und Esslingen am Neckar. Frisch zubereitet im Speisewagen des ehemaligen TEE Rheingold, einer rollenden Legende der Wirtschaftswunderära. Serviert im komfortablen Ambiente zwischen braungestreiftem Plüsch und kugeligen Tischleuchten. Wie zurückgebeamt in die eigene 60er-Jahre-Kindheit.

Menge: überschaubar
Spätzle: gülden glänzend wie das Rheingold
Käse: vermutlich Emmentaler
Zwiebeln: reichlich superkrosse Röstzwiebeln
Viskosität: eher trocken
Beilage: die Winzigkeit eines kleinen Beilagensalates unter der Haube eines sahnigen Dressings
Zubereitungszeit: ein ungelüftetes Geheimnis
Abgang: leicht und unbeschwert
Preis: 12,50 Euro ohne / 13.50 Euro mit Speck
Bewertung: Kulinarisch zwar kein Höhenflug, doch atmosphärisch nicht zu toppen! Und grosse Hochachtung vor dem Küchenteam, das verkündet: "Tütenware suchen Sie vergeblich"

Lokalität: AKE-Rheingold
Reise "Meran - auf der Sonneseite Südtirols"
Rückfahrt von Steinach am Brenner nach Dortmund