Donnerstag, 9. August 2018

Fast ein Volltreffer ***


















"Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" schrieb Wolf Wondratschek anno 1969. Obwohl wir es weniger martialisch lieben, jubilieren wir lauthals, als nach langer vergeblicher Restaurantsuche endlich ein Gasthaus namens "Schießstätte" auftaucht. Da wird nicht lang gefackelt, sondern ein schattiger Tisch gesucht und - schon halb hypoglyklämisch - der Chefin die Bestellung übern Tisch zugerufen.

Menge: der riesige Teller von der Größe einer Schießscheibe fasst tatsächlich eine stattliche Portion
Spätzle: wie überall im Allgäu: eher Knöpfle
Käse: rezenter Allgäuer Bergkäse
Zwiebeln: reichlich Röstzwiebeln von angenehm ledriger Konsistenz und würzigem Geschmack
Viskosität: gehörige Fäden ziehend
Beilage: ein Beilagensalat kann am Büffet selbst nach Wunsch zusammengestellt werden - augenscheinlich alles hausgemacht und in der Küchenmaschine zerkleinert: Gurke, Möhre und Rettich in dicken Stiften, Blaukraut in Scheiben. Der Kartoffelsalat kommt nach Schwabenmanier noch lauwarm und gut sämig daher!
Zubereitungszeit: kaum eine Viertelstunde
Abgang: etwas beschwerend
Preis: 9,80 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Hier zeigt sich einmal wieder: Vereinsheime (auch  nur vermeintliche) sind nicht das Schlechteste! Dieser Schießstand hat uns auf jeden Fall vorm Verhungern und Verdursten bewahrt. Mit bodenständiger Hausmannskost, herzhaften Schmankerln und ehrlichem Service.

Lokalität: Gasthaus Schießstätte
Schützenstraße 4
87544 Blaichach
Tel. 08321 / 788 000 0
 E-Mai: info@schiessstaette-blaichach.de

Sonntag, 5. August 2018

Mit Speck fängt man Mäuse ***

















Okay, okay, es gehört schon eine Menge Enthusiasmus dazu, um bei hitzigen Temperaturen von 30 Grad zum Kässpätzle-Essen auszuschwärmen. Doch Hausfreund Mike tritt mutig als Begleitung an - mit kurzen Hosen, einem Wassersprüher und vermeintlichen Ortskenntnissen. Als wir schon fast  dehydriert und halb komatös den Freudentstädter Marktplatz umrundet haben, entdecken wir durch  Zufall diese rustikale, einladende Location mit luftigem Gastgarten direkt vor der Türe. Augenblicklich können wir keinen Schritt mehr weitergehen und lassen uns erschöpft nieder.

Menge: diese zünftig in einem Pfännle servierte Portion ist eher für einen körperlich aktiven Holzfäller gedacht und lässt sich nur unter Stöhnen und durch Mithilfe eines mitleidigen Mitessers bewältigen
Spätzle: die wurden aus Lossburg zugekauft, wie der Patron überzeugend ehrlich zugibt
Käse: zahmer Bergkäse aus dem Schwarzwald
Zwiebeln: leicht karamellisierte Schmelzzwiebeln (leider viel zu wenig)
Viskosität: gefällig
Beilage: vom Beilagensalat mit Gurke, einem Alibi-Tomatenachtel und Blattsalaten sei vor allem der spektakulär knätschige Kartoffelsalat erwähnt - herrlich, ganz nach meinem Geschmack!
Zubereitungszeit: unglaublich kurze 10 Minuten
Abgang: enorm sättigend; das prophylaktisch konsumierte Zibärtle für verdächtig günstige 2,50 Euro schmeckt leider hauptsächlich sprittig
Preis: mit 9,80 Euro (inklusive Beilagensalat) knapp unter der magischen Schallgrenze
Bewertung: Gefällig komponierte schwäbische Speisen in einem klug inszenierten Setting aus Schwarzwald-Feeling, Rustikalität und gespielter Authentizität.

Lokalität: Zum Speckwirt 
Marktplatz 45
72250 Freudenstadt
Tel.: 07441 9195680  
E-Mail: info@speckwirt-fds.de

Freitag, 27. Juli 2018

Essen wie im Krankenhaus **

















Alle Wege führen ins Landratsamt. Wem zwischen Kfz-Zulassung und BaföG-Beantragung der Magen brummt, dem sei ein Gang ins Untergeschoss durchaus geraten. Das hiesige Betriebsrestaurant - nach der kürzlichen Renovierung äußerst schmuck herausgeputzt - steht selbst externen Besuchern offen. Dafür dürfte der Landrat wohl nie gesichtet werden und auch die Inhouse-Bediensteten essen hier vorsichtshalber nicht viel mehr als ein Joghurt.

Schade, denn die blitzeblanke Sauberkeit und der schattige Gastgarten dürften in Böblingens Innenstadt kaum zu toppen sein.

Menge: kann selbst dosiert werden
Spätzle: zu einem rechteckigen Klotz zusammengepresst
Käse: bergeweise geriebener Käse
Zwiebeln: blähungsvermeidend gar nicht erst vorhanden
Viskosität: von der Konsistenz einer soften Grießschnitte
Beilage: beliebige Mengen beliebiger Beilagen können selbst auf den Teller gehäufelt werden - wir entscheiden uns für Kaisergemüse (Convenience) und Rahmspinat (geschmacklos-fad), aber auch Reis, Dampfkartoffeln und zweierlei Saucen wären großzügig im Angebot
Zubereitungszeit: unbekannt
Abgang: flau
Preis: 4,50 Euro (für Externe)
Bewertung: Geschmacksneutrale, leicht zu schlürfende Speisen ohne Biss und ohne Schmiss! Täuschen wir uns oder trägt der Speiseplan das selbe Logo wie der Klinikverbund Südwest? Wir vergeben dennoch zwei Gnadenpunkte für den absolut günstigen Preis, die ansprechende Präsentation und den sehr freundlichen Service.

Lokalität: Landratsamt Böblingen
Betriebsrestaurant "Meet & eat"
Parkstr. 16
71034 Böblingen

Donnerstag, 28. Juni 2018

Wälderkäse und Ochsenblut ****

 


Dass im Vorarlberg mit die besten Kässpätzle (vulgo: Käsknöpfle) serviert werden, gehört zu den gastronomischen Grunderkenntnissen. Da schlägt das Spätzialistenherz jedes Mal höher, wenn wieder eine kleine Kulturreise ins austriakische Ländle führt.

Das Rote Haus in Dornbirn ist eine Empfehlung der Concierge. Größer könnten die architektonischen Unterschiede kaum sein: hier die amorphe futuristische Blase unseres Hotels, dort das mehrere Jahrhundert alte Traditionsgebäude, das einst im 18. Jahrhundert seinen Schutzanstrich durch rotes Ochsenblut und Ochsengalle erhielt. Heutzutage ist höchstens noch Tafelspitz im Spiel - und das sehr gepflegt auf dem Teller.

Menge: so habhaft und sättigend, dass keine Vorspeise, kein Dessert noch Platz hätten
Spätzle: handgepresste Vorarlberger Knöpfle
Käse: ein rezent würziger Wälderkäse, der einem glatt die Schuhe auszieht
Zwiebeln: sanft angedämpfte Schmelzzwiebeln
Viskosität: überraschend trocken
Beilage: weder das in der Karte ausgewiesene Apfelmus (urrrgghhh!) noch der alternative Kartoffelsalat erscheinen uns angebracht, so dass wir freihändig einen kleinen bunten Blattsalat ordern (Kellner András schaut kritisch über seine Lesebrille: "Passt das denn??")
Zubereitungszeit: Zitat aus der Karte: "Auf Grund unserer über 300 Jahre alten Räumlichkeiten und hieraus resultierenden kleinen Küche, entschuldigen wir uns für etwaige, daraus entstehende Wartezeit."
Abgang: so perfekt, dass nicht mal ein Digetif vonnöten ist
Preis: 14,20 Euro für Käsknöpfle mit Beilage (Möglichkeiten siehe oben)
Bewertung: Ein harmonisches kulinarisches Geschmackserlebnis im historischen Ambiente des sorgsam restaurierten Wahrzeichen Dornbirns. Vinologisch empfehlen wir dazu einen zartschmelzenden Blaufränkisch vom burgenländischen Weingut Gager.

Lokalität: Rotes Haus
Marktplatz 13
A-6850 Dornbirn
Tel. ++43557231555
E-Mail: roteshausdornbirn@gmail.com

Donnerstag, 10. Mai 2018

Zwischen Maibock und Mostschorle ***



Kein Wunder, dass sich der Goldene Adler seit 1876 in den Händen einer Metzgersdynastie befindet: die umfangreiche Speisekarte mit schmückender Schmeck-den-Süden-Zertifizierung dürfte jedes Carnivorenherz höher schlagen lassen! Da ich die letzten Sauren Nierle im letzten Jahrhundert goutiert habe, bleibt mir nur der interessierte Blick auf übervolle Nachbarteller, die vor glänzenden Fleischbrocken und sämiger Soße förmlich überquellen. Sogar die vom Grund her vegetarischen Kässpätzle werden mit Speck angeboten. Ist aber kein Muß!

Dass wenige Hundert Meter entfernt eine nahe Verwandte liegt, der ich bei zahlreichen Hausschlachtungen assistiert habe, setzte den Koinzidenzen noch die Krone auf. Ich erhebe mein überaus leckeres Mostschorle (grandios!) und stoße in Gedanken auf unser aller Wohl an!


Menge:  eine riesige Portion, serviert in einem noch riesigeren tiefen Teller
Spätzle: eindeutig hausgemacht
Käse: vermutlich Emmentaler
Zwiebeln: winzige Stückchen von ledrig-würzigen Röstzwiebeln
Viskosität: kurz zierliche Fäden ziehend, danach eher trocken (der Speck hätte sicherlich für mehr  Geschmeidigkeit gesorgt)
Beilage: der extra dazu bestellte Beilagensalat ist förmlich ein Gedicht: schön knätschiger Kartoffelsalat, zweierlei Möhre (rohe Juliennestreifen und gekochte Scheiben), sauer eingelegte rote Paprika, süsslich marinierter Chinakohl, gehobelte Gurke und Blattsalate in sahnigem Dressing
Zubereitungszeit: kaum länger als eine Viertelstunde
Abgang: trotz gleichzeitigen Konsums von fast einem Liter Mostschorle aus eigener Herstellung ergibt sich keine explosive Mischung, sondern eine angenehme Symbiose
Preis: 8,20 Euro (Kässpätzle) plus 4,00 Euro (Beilagensalat)
Bewertung:  Das Maibockgulasch meines Mitessers, der entzückende Blick auf ein verwunschenes Gärtlein und das nun angenehm reduzierte Ambiente des nach einem verheerenden Brand wiederaufgebauten Gasthofes: das alles hinterlässt wohlige Gefühle. Bei den Kässpätzle würde ich mir eine kleinere Portion, doch dafür mit begleitendem Beilagensalat wünschen.

Lokalität: Goldener Adler
Neckarstraße 5
72160 Horb
Tel. +49 (0) 7451 - 55 29 90
E-Mail: info@goldener-adler-hotel.de

Freitag, 27. April 2018

Die letzten Kässpätzle vor Juist ***


















Eben noch im sonnigen Allgäu - eine Woche später schon an der windumtosten Nordsee. Größer könnte der Kontrast kaum sein! Doch die kulinarische Welt besteht nicht nur aus Matjes und Krabben. Seit 2012 hat sich auf Borkum eine Multi-Kulti-Crew um Osman Kalkinc geschart, die sich  "Genussvoll, wohlschmeckend, heimisch, herzlich, aufmerksam, gastfreundlich" auf die Fahnen (respektive die Speisekarte) geschrieben hat.

Die aufmerksame Gastfreundlichkeit geht so weit, dass sich Chef Osman überraschend an unseren Tisch setzt, um dort die Teelichter anzuzünden und gerne auch unsere Fragen zu beantworten. So erfahren wir, wie die Allgäuer Kässpätzle und das (eigentlich badische) Schäufele auf die Nordseeinsel kommen.

Menge: eher dürftig
Spätzle: der (leider inzwischen verstorbene) aus Ulm stammende Koch hat das Handschaben noch Osmans Söhnen gelehrt - heutzutage wird der Teig aus "Bio-Mehl und Bio-Eiern" aber wohl gehobelt
Käse: laut Karte: Allgäuer Emmentaler
Zwiebeln: die angekündigen Röstzwiebeln muss man leider suchen
Viskosität: die bereits abgekühlt servierten, nur noch lauwarmen Kässpätzle lassen die gewünschte Homogenität wermissen
Beilage: zusammen mit den Kässpätzle werden auf einer länglichen, formschönen Schale aus gelbem Craquelé noch etwas Rucula, Krautsalat, Gurkenscheiben und Apfelspalten angerichtet
Zubereitungszeit: lange 25 Minuten, bei vollem Haus
Abgang: zurück bleibt Hunger und ein schales Gefühl
Preis: das "Spezialitäten-Restaurant" lässt sich nicht lumpen und verlangt 14,90 Euro
Bewertung: Am nordwestlichsten Zipfel Deutschlands haben Kässpätzle eindeutig einen hohen Exotismus-Faktor. Der Kenner wird jedoch einiges an Güte und Menge vermissen. Wir honorieren dennoch den guten Willen und das gehobene Ambiente.

Lokalität: Restaurant Alt-Borkum
Roelof-Gerritz-Meyer Str. 10
26757 Borkum
Tel. +49 4922 2005
E-Mail: info@restaurant-altborkum.de

Samstag, 14. April 2018

Mit Nathan dem Weisen in Weiler ****

















Wer hätte gegenüber des kargen Simmerberger Busbahnhofs ein solch stilvolles, schmuckes Kleinod erwartet? In einem Ensemble von fein renovierten Jugendstilvillen lockt die Villa Lessing nicht nur mit einem prächtigen Garten samt Sonnenterrasse. Jedes Detail des Ambientes, jede Geste der Inhaber und des Services signalisieren: hier darf man sich willkommen fühlen! Viele aufmerksame Kleinigkeiten erfreuen den Gast: adrette Tischläufer, grazile Trinkgläser mit Gravur, fedriges Fenchelgrün als Speisendekoration, frische Handtücher auf den Toiletten.

Auch wenn Lessing der Familienname der Inhaber ist, bleibt anzumerken: heute vor genau 235  Jahren fand die Uraufführung von Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise" statt. Wenn das kein Zeichen ist!

Menge: selbst die kleine Portion (als Sonderwunsch) ist noch enorm und macht pappsatt
Spätzle: gut von einander abgegrenzte Knöpfle
Käse: eine spezielle Ländle-Käs-Mischung aus Vorarlberg
Zwiebeln: Röstzwiebeln mit leicht süßlicher Note (aber leiderleider nur ein Versucherle)
Viskosität: von eher trockener Konsistenz, mit fädenziehendem Käse
Beilage: allein dieser, in einem formschönen Porzellanschiffchen servierte, bunte Salat verdient Höchstnoten: zarte Pflücksalate, knackige Gurkenrechtecke, mit Kreuzkümmel orientalisch gewürzte gelbe Möhren und aromatischer Fenchel werden von einer gelben Blüte frühlingshaft gekrönt
Zubereitungszeit: keine Ahnung - während wir über Architektur, Ornamentik, Natur und Garten staunen, kommt auch schon das Essen
Abgang: erstaunlich sättigend
Preis: 10,50 für die normale und 9,50 Euro für die (auf Extrawunsch) kleine Portion - beides mit gemischtem Salat
Bewertung: Erstklassige Zutaten, küchenhandwerkliches Können, sowie viel Liebe und Kreativität beim Arrangement sorgen für genussvolles Speisen. Gerne hätte ich noch weitere Gerichte neben den vorzüglichen Kässpätzle probiert - allein der täglich wechselnde Mittagstisch bietet genügend Verlockungen! Und wäre nicht auch eine Übernachtung in der adretten Jugenstil-Villa reizvoll?

Lokalität:  Pension Villa Lessing
Bahnhofstraße 14
88171 Weiler-Simmerberg
Tel. 08387 / 463
E-Mail: info@pension-villa-lessing.de