Sonntag, 23. März 2025

Da braut sich was zusammen ***


 


 

 

 

 

 

 

 



Nur wenige Lokale durfte ich über eine so lange Zeitspanne mit so vielen Pächterwechseln begleiten. Im Volksmund noch unter "Dinkelakerei" bekannt, hat die später als "Platzhirsch" firmierende rustikale Braugaststätte im Herzen von Böblingen bereits ein lustiges Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel zwischen kosmopolitischen Anwandlungen, spirituellen Genüssen und Pop-up-Zwischennutzungen erlebt.

Auch nach erneutem Wechsel brummt das Lokal wie eh und je, wird geradezu überflutet von einem Mehrgenerationen-Publikum zwischen Kinderwagen und Gehstock. Ohne Reservierung bekommt man sowieso kein Bein in diese geheiligten Hallen. Und selbst dann muss man den Trubel mögen.

Menge: damit nicht auch noch der Hosenbund platzt, bestelle ich - ohne mit der Wimper zu zucken - die Seniorenportion (und die reicht aus)
Spätzle: was wollen uns "Omas Kässpätzle" sagen? Nach ihrem Rezept fabriziert? Von ihr geschabt? Geschickte verbale Mogelpackung?
Käse: Bergkäse, meint die Karte
Zwiebeln: ein Duett von schön schlonzig geschmälzten Zwiebeln und krossem Röstwerk
Viskosität: griffig
Beilage: standardmäßig keine - der extra dazu bestellte Beilagensalat beeindruckt optisch mit aufgetürmten Blattwerk, enttäuscht jedoch mit dem darunterliegenden laffen Kartoffelsalat und einem abgehangenen Stück Rettich
Zubereitungszeit: überschaubar
Abgang: der im Bierhumpen servierte Verdauungskaffee (3,00 Euro) sollte wohl ein Gag sein, doch mir vergeht schon beim Anblick der letzte Appetit
Preis: 9,40 Euro (in der Seniorenvariante) bzw. 12,90 Euro (als Normalportion) plus 6,50 Euro für den Beilagensalat
Bewertung: Der neue Betreiber setzt auf duftiges Aufbauschen, kluge Kalkulation und dem positiven Nachhall der traditionsreichen Location. Zwischen holzvertäfelten Wänden, schmiedeeisernen Gittern und Butzenscheiben weint man trotzdem früheren lukullischen Erlebnissen nach. Auch wenn der jetzige Service unschlagbar ist. 

Lokalität: Braugaststätte Platzhirsch
Breitmayer Faude Gastronomie GbR
Postplatz 5
71032 Böblingen
Tel. 07031/4288921
E-Mail: willkommen@braugaststaette-platzhirsch.de

Mittwoch, 5. März 2025

Schlemmerei an Aschermittwoch ***


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie könnte man den Aschermittwoch trefflicher begehen als mit Blick auf die Klosterinsel Reichenau? Doch während sich die fastenden Mönche im düsteren Mittelalter an Hirsche, Biber oder Schnecken hielten (wie es heute noch ein kurioser Bilderbogen im nahen Rosgartenmuseum zeigt), dürfen wir uns in der Gegenwart an weitaus schmackhafteren Speisen erfreuen. Als Bonus obendrauf: eine anregende Tischgesellschaft, die jedes Schweigegelübde ad absurdum führen würde.

Menge: der freie Gang ans verlockende Büffet verleitet selbst willensstarke Vegetarier ungebremst zur Völlerei
Spätzle: gedrungene Knöpfle
Käse: undercover recherchiert: stammt vom Käse-Caduff in Rottweil
Zwiebeln: leider knurpselige Fertig-Röstzwiebeln (wo die Gegend doch genügend Frischware in petto hielte)
Viskosität: angenehm trocken, auch wenn an buttrigem Trennmittel nicht gespart wurde
Beilage: vom attraktiven Salatbüffet wählen wir heute: grüne Blattsalate, gestiftelte Möhren, Rettichsalat, ein Alibi-Tomatenachtel, sowie reichlich Saaten und krosse Croutons
Zubereitungszeit: unbekannt, doch unermüdlich wird neu nachgelegt
Abgang: dank einem herzhaften Zweigelt-Schorle angenehm flutschend
Preis: 19,50 Euro für den vegetarischen Hauptgang, inklusive frei wählbarer Beilagen und beliebig häufigem Gang ans Salatbüffet
Bewertung: Wären wir nicht seit Jahrzehnten Stammgäste, wäre es unserer wohlwollenden Prüfung glatt entgangen: die hiesige Küche hat es schon mal besser gekonnt. Doch das angenehme Ambiente, eine selige Ruhe und ein aufmerksamer Service verwöhnen und versöhnen uns nach wie vor.

Lokalität: Hotel St. Elisabeth
Kloster Hegne
Konradistraße 1
78476 Allensbach
Tel.
07533/ 93662000

Samstag, 1. Februar 2025

Ohne Weißbier am Wettbachplatz ***

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Mike und Heidi laden zum Neujahrsessen ins Wirtshaus Erdinger, auch wenn sie selbst lieber Wein(schorle) trinken. Im zünftigen Ambiente wird ganzjährig gebechert, geschunkelt, Oktoberfest gefeiert und der Maibaum hochgehalten. So jung kommen wir nicht mehr zusammen!

Wie gerne wären wir noch der Aufforderung am Büdchen vor der Türe nachgekommen: "Sport gibt dir das Gefühl, besser auszusehen. Glühwein übrigens auch." Doch eine bleierne Schwere zwingt uns in die Mittagsruhe.

Menge: unsere großen Augen beim Servieren kontert der Kellner geübt: "Wir haben was zum Einpacken"
Spätzle: immer wieder gern genommen: Fertigware der Firma Schmid
Käse: meinen vermeintlich eruierten Emmentaler dementiert die Servicedame ganz bestimmt: "Auf der Packung stand doch Gouda"
Zwiebeln: krosse Röstzwiebeln und eine verborgene Knoblauchpaste
Viskosität: nicht zu sahnig, nicht zu trocken, schöne Käsefäden ziehend
Beilage: ein üppiger Beilagensalat mit Blattsalaten, gehobeltem Kraut, gestiftelten Möhren und einem Allerweltskartoffelsalat
Zubereitungszeit: mittags muss es fix gehen
Abgang: erstaunlich leicht und beschwingt
Preis: 15,80 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Riesige Portionen und eine hemdsärmelige Gemütlichkeit lassen den unverhohlenen Einsatz von Convenience-Produkten glatt verzeihen. Wieder aufgewärmt schmecken die Reste anderntags gleich noch mal besser.

Lokalität: Wirtshaus zum Erdinger
Wettbachstraße 1
71063 Sindelfingen
Tel.: 07 031 – 816633
E-Mail: kontakt@erdinger-sindelfingen.de

Samstag, 25. Januar 2025

Fleisch und Wurst ****

 


 

 

 

 

 

 

 

 


Fleisch und Wurst
prangt in neonroter Leuchtschrift vor dem Landgasthof mit eigener Metzgerei. Kein schlechtes Omen! Wo carnivores Glück angepriesen wird, ist meist auch deftiges Beiwerk zu finden. Doch das hat hier seinen Preis.

Dafür dürfen wir im blau geplättelten Nebenraum zwischen sorgsam aufgeschichteten Wurstdosen und alten Familienfotos in melancholischen Erinnerungen an frühere Hausschlachtungen schwelgen. Allein das gewagte Ambiente ist ein Eldorado für visuelle Feinschmecker und Vintage-Freunde. 

Menge: selbst mit Löwenhunger nicht zu wuppen
Spätzle: vollschlanke Hausmacherware
Käse: ungeniert gesteht das Servicemädel: Grünländer
Zwiebeln: das sparsam dosierte, musig-marmeladige Topping und ein paar Frühlingszwiebelringchen erscheinen mir zu dürftig
Viskosität: trocken, mit salamandergebräunter Oberfläche
Beilage: die auf den ersten Blick unspektakulär wirkenden Blattsalate überzeugen durch frische Knackigkeit und ein leichtes Sahnedressing
Zubereitungszeit: gut über eine halbe Stunde bei vollem Haus
Abgang: der Völlerei folgt eine schwere Nacht
Preis: auch der stolze Preis ist ein Novum: 21,80 Euro (inkl. Beilagensalat) knacken die unsichtbare 20-Euro-Marke
Bewertung: Zwischen Schwarzwurst, Siedfleisch und saure Nierle munden auch die Kässpätzle ausgesprochen gut.

Lokalität: Gasthof zum Löwen
Marktplatz 4
74542 Braunsbach
Tel. 07906 91050
E-Mail: info@zum-loewen-braunsbach.de

 

Sonntag, 24. November 2024

Emsig werkelnde Geister **




 

 

 








Eher widerwillig erinnern wir uns an einen unbeliebten (vor)weihnachtlichen Brauch der anonymen Geschenkevergabe. So legen wir unmissverständlich den Besuch der Wichtel Brauerei noch vor den 1. Advent. Auch wenn uns der muckelige Ort bereits mit geschäftigem Gewusel empfängt.

An rustikalen Holztischen hocken wir erwartungsfroh auf unseren Bänklein und harren der milden Gaben, die vielleicht vom Himmel fallen. Nicht umsonst befand sich auf diesem Grund und Boden einst ein Aerodrom.

Menge: viel zu mächtig für einen kleinen Wicht
Spätzle: stammen wohl von fleißigen Heinzelmännchen aus der Nudelfabrik
Käse: der dominante Sahneüberschuss unterdrückt jeden Anflug von Käse
Zwiebeln: ein beeindruckend krosses Zwiebelgewölk
Viskosität: suppig-schlonzig
Beilage: ein vorkonfektionierter Beilagensalat mit überflüssigem Mais, einer ausgetrockneten Gurkenscheibe und einem degoutanten Tomatenachtel
Zubereitungszeit: elfengleich serviert uns die liebreizende Service-Maid schon nach kurzer Zeit das beeindruckende Mahl in einem gusseisernen Pfännlein
Abgang: der heroische Verzicht auf einen Digestif hat stundenlanges Magengrimmen zur Folge
Preis: 13,40 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Optisch ein Augenschmaus, doch geschmacklich eher enttäuschend. Dennoch herzlichen Dank an die emsig werkelnden Geister.

Lokalität: Wichtel Hausbrauerei
Graf-Zeppelin-Platz
71034 Böblingen
Tel: 07031 - 306 98 99
E-Mai: boeblingen@wichtel.de

Mittwoch, 20. November 2024

Toller Teller ****

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Beharrlichkeit zahlt sich aus. Als langjähriger Buchwochen-Fan und (Haus der) Wirtschaft-Besucher entdecke ich endlich eine Kässpätzle-Hauptspeise im gastronomischen Programm - zumindest auf der Wochenkarte. Zubereitet von einer multikulturell besetzten Küchen-Crew, die bereits vor Tagen ein fulminantes Kichererbsencurry hingezaubert hat. Wann immer sich die Automatiktür zur Küche öffnet, versuche ich dankbar zu winken, doch keiner schaut her. Selbst der Service glänzt durch vornehme Zurückgezogenheit.

Menge: reichhaltig und üppig - mehr als die Hälfte wird mir von der Servicedame fachgerecht in eine Polystyrol-Mitnahmebox verpackt und von der Garderobiere mütterlich mit einer Plastiktüte umhüllt
Spätzle: mal habhaft dickbauchig, mal sehnig schlank - ganz augenscheinlich Hausmacherware
Käse: beim Bergkäse-Emmentaler-Mix wurde auch mit Sahne nicht gegeizt
Zwiebeln: die vermisst tatsächlich keiner
Viskosität: unten herum sahnig-schlüpfrig, dazu krosse Salamander-Röstung on top
Beilage: endlich ein Beilagensalat, mit knackig frischem Grünzeug und einem herrlich knätschigem Kartoffelsalat
Zubereitungszeit: eine gute Viertelstunde
Abgang: angenehm gesättigt erklimme ich erneut literarische Höhen
Preis: 16,80 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Es ist nie zu spät: als vollwertige Hauptspeise mit einem frischen Beilagensalat läuft das kross überbackene Spätzlegericht zu lukullischer Höchstform auf. Das ist den Preis auch wert.

Lokalität: Logo im Haus der Wirtschaft
Willi-Bleicher-Straße 19
70174 Stuttgart
Tel.
0711/2265002
E-Mail:
Laub-Logo@t-online.de

Sonntag, 3. November 2024

Jeder Zehnte lügt **

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

"Neun von zehn Leuten mögen Schokolade," behauptet das Museumscafé von Ritter Sport. Doch der Zehnte lügt mitnichten, sondern frönt schlicht einem anderen Gusto. Und der treibt mich ganze 8 Jahre und 7 Monate nach dem letzten Essen zu einem erneuten Besuch. 

Andernorts haben sich Speisekarten, Pächter und Räumlichkeiten verändert, doch hier wurde bei gleicher Optik und Haptik nur der Preis angepasst.Wie auch der einer Tafel Schokolade. Denn Tradition ist dem Hause Ritter heilig.

Menge: rangiert nach wie vor in der Sparte "für den größeren Hunger" - den sollte man jedoch eher nicht haben
Spätzle: Convenience
Käse:  man bleibt dem Emmentaler treu
Zwiebeln: das winzige Häufchen von angeschmälzten Zwiebelstückchen ist in den Jahren nicht gewachsen
Viskosität: so smooth wie eine heiße Schokolade
Beilage: mein Geschick, die sperrigen Beilagenbestandteile aus einer quadratisch-unpraktischen Schüssel zu hieven, hat sich nicht gebessert
Zubereitungszeit: viel zu kurze 10 Minuten bei vollem Haus
Abgang: erst zwickt der Hosenbund, dann nervös der Mundwinkel
Preis: 12,20 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Das Essen gleicht so frappierend der Portion aus dem Jahre 2016, dass ich mir verwundert die Augen reibe. Ein Schelm, der hier ausgeklügeltes (oder geklontes?) Convenience vermutet. Mangelnde Innovationsgabe und Weiterentwicklung verleiten mich leider zum Punkteabzug.

Lokalität: Museum Ritter - Museumscafé
Alfred-Ritter-Straße 27
71111 Waldenbuch
Tel.: 07157/538169